Wenn Monica richtig geschätzt hat, dann hat in Augsburg jeder vierte Mann und jede sechste Frau im Alter zwischen 35 und 64 Jahren einen zu hohen Blutdruck. Aber wer ist Monica? Es ist nur die Abkürzung für eine epidemiologische Studie, mit der die Häufigkeit von Risikofaktoren für das Auftreten von HerzKreislauf Erkrankungen erfaßt werden soll: "Monitoring Trends and Determination of Cardiovascular Disease". Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat dieses internationale Projekt in 39 Zentren durchgeführt; bei uns im Rhein NeckarGebiet, in Augsburg, in Bremen sowie Halle und Karl Marx Stadt.

Hoher Blutdruck, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel gelten für Epidemiologen fast als Voraussetzung für den vorzeitigen Herztod. Amerikanische Lebensversicherungsgesellschaften, die ein besonders feines Gespür für finanzielle Risiken entwickeln, haben folgendes ausgerechnet: Ein beim Versicherungsabschluß 45jähriger mit normalen Blutdruckwerten (etwa 12080) kann sich über eine statistische Lebenserwartung von rund 77 Jahren freuen. Er hat also noch 32 Jahre vor sich. Ist aber sein Blutdruck bei der Aufnahme in die Versicherung erhöht (beispielsweise auf 150100), dann hat er nur noch 20 5 Lebensjahre vor sich. Statistisch wohlgemerkt.

Nun ist hoher Blutdruck nur ein Risikofaktor unter anderen. Ein besonders heimtückischer allerdings, denn an nur mäßig erhöhten Blutdruckwerten (16090) leidet man nicht und merkt daher nichts davon. Fieber bei einer Infektion oder Bauchschmerzen bei einem Magengeschwür führen den Kranken dagegen in ärztliche Behandlung. Diese "milden" Hypertonien werden meist zufällig bemerkt, wenn bei einer Routineuntersuchung der Arzt erhöhte Blutdruckwerte feststellt. Das deutsche "Nationale Blutdruck Programm (NBP)" hat sich daher das Ziel gesteckt, die Zufälligkeit der Entdeckung durch gezielte Blutdruckmessungen zu ersetzen.

Das ist nicht aufwendig, denn Blutdruckmessungen sind unkompliziert. Mit einer um die Armbeuge gewickelten aufblasbaren Blutdruckmanschette werden die Drucke gemessen und in Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) ausgedrückt, die erforderlich sind, um die zum Herzen zurückführende Blutströmung in der Vene zu unterbrechen (diastolisch) oder den arteriellen Zufluß vom Herzen (systolisch) eben noch zu blockieren. Daher bestehen korrekt gemessene Blutdruckwerte immer aus zwei Zahlen. Die erste gibt den systolischen, die zweite den diastolischen Druck an. Nicht jeder erhöhte Blutdruckwert bedeutet Krankheit, denn ein erhöhter Druck ist oft auch nur Ausdruck von Ängstlichkeit und Nervosität, die den ersten Arztbesuch oft begleitet. Englische Mediziner haben das herausgefunden, als sie in Oxford Frauen zur Selbstmessung des Blutdrucks in der gewohnten häuslichen Umgebung veranlaßten. Die Meßwerte wurden über eine mit dem Gerät verbundene Telephonleitung den Krankenhausärzten automatisch übermittelt. Viele "Hochdruckkranke" wurden schon dadurch "geheilt". Da dieses Meßverfahren nicht überall möglich ist, sollten jeweils mindestens zwei Messungen an zwei verschiedenen Tagen vorgenommen werden, bevor die Diagnose Bluthochdruck gestellt werden darf. Auch Monica hat sich danach gerichtet. Dennoch darf man bezweifeln, ob damit ein durch Aufregung gesteigerter Blutdruck völlig ausge- schlössen wird. Blutdruckforscher haben deswegen auch schon vorgeschlagen, Messungen mit Fernübertragung über 24 Stunden vorzunehmen. Ein großer Aufwand!

In den Industrieländern, mittlerweile aber auch in einigen von der "Zivilisation" erreichten Regionen der Dritten Welt, steigt der Blutdruck mit dem Lebensalter der Menschen. Dabei verläuft die Erhöhung des systolischen Blutdrucks steiler als die des diastolischen. Dies ist ein Ausdruck des altersbedingten Elastizitätsverlustes der Blutgefäße. Die Erhöhung der diastolischen Werte über 115 mmHg gilt als ernstes Zeichen für die seltenere sekundäre Hypertension, die zum Beispiel Folge eines auch durch die Bluthochdruckkrankheit erworbenen Nierengefäßschadens sein kann.

Die Daten der Monica Studie haben wegen der Häufigkeit erhöhter Blutdruckwerte (bis zu 16094) bei Männern und Frauen große ärztliche Bedeutung. Die Diskussion geht nun darum, ob diese Menschen tatsächlich alle krank sind, ohne es zu wissen. Und müssen sie dann alle auch behandelt werden?

In der Bundesrepublik wissen nur etwa sechzig Prozent der männlichen und achtzig Prozent der weiblichen Hypertoniker von ihrem erhöhten Blutdruck. Ein Drittel der Männer und zwei Drittel der Frauen werden mit Medikamenten behandelt. Blutdruckforscher beklagen aber, daß der Anteil der erkrankten und daher "kontrollierten" Hypertoniker mit Werten über 16095 mmHg noch zu gering sei.