Die DDR hat die Wahl – und die Bundesrepublik muß ihr helfen

Von Robert Leicht

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Aus dem Kalauer wurde bittere Wahrheit. Zum ersten Mal dürfen die Bürger der DDR am Sonntag frei und geheim ihr Parlament bestimmen. Aber wann jemals zuvor hat sich ein Volk dermaßen geduckt und bedrückt auf den Urakt seiner neu errungenen Demokratie vorbereitet?

Vom Freudentaumel des 9. November, des Tages, da die Grenzen fielen und die Mauern brachen, bis zum Katzenjammer vor dem Wahltag, von der Befreiung zur Beklemmung – schärfer könnte der Kontrast zwischen den Stimmungsbildern kaum sein. Wie erklärt sich dieser Niedergang des Aufbruchs? Und was muß geschehen, daß sich das Blatt nach den Wahlen allmählich wieder wenden kann?

Schon jetzt erweisen sich die Monate zwischen November und März als weithin verlorene Zeit. Schuld daran tragen die Regierenden in beiden deutschen Staaten. Noch beim Dresdner Treffen zwischen Helmut Kohl und Hans Modrow sah es so aus, als setzten Bonn wie Ost-Berlin zu einer fruchtbaren Kooperation an. Doch seit der rauschenden Sylvesterparty beim und auf dem wieder offenen Brandenburger Tor lähmten Katergefühle das politische Geschäft.

Dem Sturz Honeckers und dem Rücktritt seines Nachfolgers Krenz folgte in der DDR unter Hans Modrow nur eine Phase der Labilität und Sterilität. Zwar wurden die sichtbarsten Bollwerke der SED-Herrschaft unter dem Drängen des Runden Tisches und der Demonstranten geschleift, aber ihre Überreste wirken weiter in Bürokratie wie Bewußtsein. Noch weiß kein Handwerker und Unternehmer in der DDR, kein Investor von auswärts, was er künftig tun und lassen darf. Und der tollen "Sozialcharta", die sich der Runde Tisch zum Ende des Wahlkampfs spendiert hat, fehlt nur zweierlei – das Preisschild und die Auskunft, wer dafür aufkommen soll.

Bisher hat die DDR ihren Reform-Rückstand gegenüber den Polen und der Tschechoslowakei nicht aufgeholt. Warschau wagt sich an eine drastische Sanierung seiner Wirtschaft – und Mazowiezcki gewinnt trotz der damit verbundenen Opfer an Zustimmung. In Prag wurde den alten Machthabern nicht einmal der Übergang anvertraut. Demgegenüber nimmt sich die DDR politisch und ökonomisch wie ein Niemandsland aus.