Warum sich die Menschen in der DDR wieder so schnell der Obhut eines Stärkeren anvertrauen wollen

Von Helga Hirsch

Zufrieden kehrt der Parteifreund von einer Schulungsveranstaltung des Landes Schleswig-Holstein ins mecklenburgische Gadebusch zurück. Er hat seiner SPD-Ortsgruppe eine gute Nachricht mitgebracht. Die Bundesregierung, gibt er in tadellosem Westdeutsch weiter, habe die Umgehungsstraße für Gadebusch bewilligt. Das Projekt sei seit längerem ausgeschrieben gewesen, nun habe eine westdeutsche Firma den Zuschlag erhalten. Gadebuschs Innenstadt werde bald vom Durchgangsverkehr befreit sein.

Auf den Gesichtern der Mitglieder spiegeln sich Stolz und Freude. Wenn sich die Bundesrepublik ihrer kleinen Kreisstadt im alten Zonenrandgebiet annimmt, sind sie beruhigt. Der Frost wird die ersten Meter der Straße nicht schon wieder zerreißen, wenn die letzten noch im Bau sind – Westfirmen liefern Qualität. Und vielleicht nehmen sich die "von drüben" in Zukunft auch noch einiger anderer Sorgen der Stadt an: Das ehemalige SED-Parteihaus steht leer. Fände sich über einen westdeutschen Makler ein westdeutscher Geldgeber, entstünde dort vielleicht das Hotel, das Gadebusch so dringend benötigt, wenn Mecklenburg seinen Tourismus entwickeln will. Mit westdeutschem Geld ließe sich unter Umständen auch die Freilichtbühne retten – der Sommer braucht schließlich seine Touristenattraktionen.

Gadebusch ist überall. Für die DDR ist die Westwendung schon Alltag geworden. Nur die zähe Vergangenheit zwingt weiter zur Auseinandersetzung mit den alten Gegebenheiten, die man gern so schnell abgeschüttelt hätte wie verkrustete Dreckspritzer auf der Kleidung. Noch sind einige Schuldirektoren abzusetzen, einige Beamte zu entlassen, noch ist der Boden nicht genügend bereitet, damit die Zukunft schon Wurzeln schlagen könnte. Ja, diese Zukunft – niemand scheint Anstoß daran zu nehmen, daß Neubeginn und Selbstaufgabe fast zusammenfallen.

Erfordernisse der neuen Zeit

"Warum sollen wir das Rad zweimal erfinden?" fragt der Leiter des Arbeitsamtes in Erfurt, der sich in Kassel, Fulda, Bad Hersfeld und Mainz beibringen ließ, wie man Arbeitslose registriert, Berechtigungen prüft, Gelder bemißt und Umschulungen organisiert. Vor der Wende hatte er nur den "Kaderstamm" der volkseigenen Betriebe zu sichten und notfalls mit administrativen Mitteln "labile Bürger" zuzuweisen. An diese Zeit erinnert noch der weiße Fleck auf der Blumentapete, der sichtbar wurde, nachdem er den Parteivorsitzenden Erich Honecker in seinem Arbeitszimmer entthront hatte. Jetzt gehorcht der Leiter des Arbeitsamtes den Erfordernissen der neuen Zeit. Niemals mehr will er einer Partei beitreten, statt dessen für das Berufsbeamtentum plädieren – damit die Regierungspartei, sagt er, jeden Einfluß auf die Verwaltung verliert – und für Erfurt nutzbringend alle Regeln anwenden, die in Kassel, Bad Hersfeld, Mainz und Fulda erprobt wurden. Jedes Herumexperimentieren, jede nochmalige Überprüfung sind ihm "reine Zeitvergeudung". Denn eben: "Warum sollen wir das Rad zweimal erfinden?"