Von Benjamin Henrichs

Wenn Casanova auftritt, auf die in Finsternis versunkene Bühne, ist er ein gebeugter Greis, ein Sklave. Wenn Casanova abgeht (nur eine Stunde später, ein Abgang wie für immer), ist er wieder ein Herr und ein Gott.

Das Stück heißt "Phoenix". Geschrieben hat es die russische Dichterin Marina Zwetajewa, noch keine 27 Jahre alt, in den Sommertagen 1919. Es ist eines von sechs Versdramen der Autorin, und stolz hat sie selber proklamiert, daß es für das Theater nicht taugt: "Das Theater ist nicht günstig für den Poeten, und der Poet ist nicht günstig für das Theater ... Das ist nicht ein Theaterstück, es ist ein Poem – einfach Liebe: die tausendunderste Liebeserklärung an Casanova."

Jetzt hat Klaus Michael Grüber das wunderbare Unstück für die Berliner Schaubühne inszeniert. Und Bernhard Minetti (Grübers Lear, Grübers Faust, Grübers Krapp) spielt den alten, den steinalten Casanova, seinen Niedergang und seine Auferstehung aus der Asche.

Viel passiert nicht auf der Bühne. Nach 75 Minuten ist Casanova weg – und der Zuschauer allein in einer endlosen Berliner Sturm- und Regennacht. Aber daß 75 Minuten lang auf einer Bühne das Richtige geschieht, ist mehr als fast alles, was gemeinhin auf unseren Bühnen geschieht.

Minetti und Grüber behaupten erst gar nicht, daß das Stück für ein richtiges Theater taugt. Von seinem ersten Akt läßt der Regisseur nur eine einzige Figur und ein paar Sätze übrig, vom zweiten Akt ein paar Fragmente. Dann erst beginnt das dramatische Poem wirklich, niemand könnte sei nen Inhalt schöner erzählen als Marina Zwetajewa: "einfach Liebe". Ein anderer Dichter, siebzig Jahre später, hätte das wohl so übersetzt: einfach kompliziert.

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