Von Harry Mulisch

THESE

Darum gebeten, das Wesen seiner Dialektik kurz und bündig zusammenzufassen, sagte Hegel einmal: „Der Geist, der stets verneint.“ Damit zitierte er Goethe. Wenn Faust Mephistopheles fragt, was er eigentlich sei, antwortet der Teufel: „Ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Worauf Faust wissen möchte: „Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?“ Mephistopheles antwortet, mit einem Ausrufezeichen: „Ich bin der Geist, der stets verneint!“ Und fügt hinzu: „Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, / Ist wert, daß es zugrunde geht...“

Diese Zeilen klingen, als hätte es sie nie gegeben. Sie sind wie der Rhein oder die Höhle im Kyffhäuser, oder zumindest, wie Deutschland selbst. Nun aber vergleicht Hegel seine Dialektik mit Mephistopheles, er kennzeichnet sie also als teuflisch – und aus der Sicht des heutigen Zustands der Welt, der sich von Stunde zu Stunde verändert, erhält diese Konstellation doch eine neue Bedeutung.

„Faust: Ein Fragment“ erschien 1790, ein Jahr nach der Französischen Revolution, die Hegel zu seiner „Phaenomenologie des Geistes“ inspirierte, in der seine Dialektik Form annahm. Kaum zwei Jahre später sprach Goethe in Valmy zu preußischen Offizieren seine berühmten Worte, die in diesen Tagen in Berlin bestimmt wiederholt werden: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ 1807 folgte die „Phaenomenologie“, ein Jahr später der erste Teil von „Faust: Eine Tragödie“.

Auch chronologisch besteht also eine Parallele zwischen der Hegeischen Dialektik und dem Mephistopheles.

Inwiefern kann sie weitergedacht werden?