Auf dem Europäischen Fernwanderweg Nr. 1 von Hamburg nach Göttingen

Von Tobias Gohlis

Warum bist du nicht mit der Bahn gefahren?“ Dem fünfjährigen Sohn meiner Gastgeber wollte es nicht in den Kopf hinein, daß jemand vierzehn Tage lang geht, nur um von Hamburg nach Göttingen zu kommen. Mein nach 300 Kilometern Fußmarsch ziemlich erschöpft klingendes „Es war langsam schöner“ leuchtete ihm nicht ein.

Wäre er älter gewesen, hätte er wohl wie der Geschäftsreisende reagiert, der mir in Buchholz beim Bier am Abend versicherte, er käme sofort mit, wenn er nur die Zeit dazu hätte ... Denn Wandern scheint die heimliche Leidenschaft der deutschen Männer am Tresen zu sein. Allerdings von Sonntagen abgesehen: Unterwegs habe ich nie einen getroffen. Ich hatte weder eine Wette abgeschlossen noch ein Überlebensexperiment vor – mir war einfach der Umzug von Göttingen nach Hamburg vor zwei Jahren zu schnell gegangen. Ich wollte das Land dazwischen kennenlernen, und das ist nicht die Autobahn.

Bei strahlend kaltem Aprilwetter beginnt mein Spaziergang nach Göttingen mit einer Schiffsfahrt: von Blankenese nach Cranz. Denn hier quert der Europäische Fernwanderweg Nr. 1 von Flensburg nach Genua die Elbe. Die Apfelbäume im Alten Land schütteln ihre knospenden Äste und Zweige, als genössen sie die letzten unbeschwerten Tage vor dem Einsetzen der Nutzungsperiode. Drei, vier, fünf Hasen hoppeln auf den Marschwiesen – das berühmte Wettrennen mit dem Igel kann nur hier, nahe bei Buxtehude, stattgefunden haben. Kiebitze rufen wie elektronische Geldspielautomaten – oder klingen die Automaten wie Kiebitze? Neu-Wulmsdorf am Rande der Harburger Berge demonstriert das Glück metropolennaher Zersiedelung. Rasenmäher warten, daß das Gras wächst.

Tiefflieger und eisiger Wind

Erster Wandertag: einlaufen, Nachstellen der Rucksackriemen, Wahrnehmungsübungen. Ist das Dröhnen schon die Autobahn oder pures Waldesrauschen? Geruchserinnerungen melden sich: Muffig-kalt riechen die Fichten, marmeladensüß die jungen Kiefern, hart und trocken die Buchen. Und der Umgang mit der Wanderkarte hat auch seine Tücken: Ich verlaufe mich prompt, weil ich dem Fernwanderweg einen selber ausgeguckten vorziehe. Zum Glück knicke ich bei meiner Abkürzung querfeldein im verschneiten Unterholz nicht um und finde das weiße X der Wegmarkierung im Rosengarten wieder.