Aufregende Zeiten. Das Telephon steht nicht mehr still, eine Anfrage hier, ein Auftrag da, eine Absprache zwischendurch. Doch eigenartig, selten geht es in diesen Fällen um den nächsten Artikel: Wer zwischen Frankfurt/Main und Frankfurt/Oder interessiert sich in diesen ereignisreichen Tagen schon für das stille Frankreich? Angerufen wird mehr aus der französischen Nachbarschaft. Gefragt ist weniger der deutsche Korrespondent in Frankreich als vielmehr der Deutsche schlechthin. Gebeten wird er nicht etwa um Auskunft – gefragt ist seine Ansicht über Ibrahim Böhme.

Nun fand der Spitzenkandidat der Ost-SPD verständlicherweise trotz vieler Einladungen noch immer nicht den Weg ins einstige Revolutionsland Frankreich – und wir Pariser Korrespondenten darum auch keinen Zugang zu ihm. Unsere Eindrücke müssen darum vage bleiben und sollen doch umfassend sein. Auch wenn in unserem Fall der deutsche Blick auf Deutsches in weite Ferne schweifen muß, wird ihm von französischer Seite gern vertraut. Wir sind nicht dort gewesen und gehören doch dazu, und wenn in uns dieses Gefühl bisher nicht aufgekommen wäre, dann spätestens jetzt, seit wir als Deutsche gefragt sind.

So gibt der Frankreichkorrespondent seit November plötzlich vermehrt Deutschstunden. Im Rundfunkstudio oder im Klassenzimmer, im Hör- oder Sitzungssaal wird er bald gefordert von Fragen ohne glatte Antwort (Diskussion bei einem jüdischen Stadtradio: „Sollen die Juden bei der deutschen Einheit ein Wort mitsprechen dürfen?“), bald umstellt von Zweifeln: „Wird sich la grande Allemagne morgen mit den Russen ganz Europa teilen?“ Eben noch war er verärgert über vorschnelle Urteile: „Wir wußten doch schon immer, daß ihr Deutschen im Grunde nur von der Nation geträumt habt“, schon wird er getröstet durch ehrliche Neugier: „Wie stellt ihr Deutschen euch das Europa von morgen vor? Und was tut ihr, wenn Moskau gegen die Einheit Einspruch erhebt oder gar Gorbatschow stürzt?“

Für Frankreich hat das Land östlich des Rheins noch immer unscharfe Konturen, das Land östlich der Elbe aber gar keine. Da liegt die erste Schwierigkeit. Franzosen muß die Politik des Kanzlers, das Herumgerede um die polnische Westgrenze erst einmal erläutert werden, immer in der Hoffnung, daß danach noch Redezeit genug bleibt, sich von dieser rüpelhaften Politik zu distanzieren. Da lauert die zweite Schwierigkeit. Der Deutsche vom Dienst möchte nicht als eine Art heimlicher Botschafter angesehen werden. Und schließlich will er nicht mit seiner Meinung hinterm Berg halten müssen. Auch wenn erst einmal Aufklärung not tut, möchte er vor allem nicht als Kenner der deutschen Ereignisse präsentiert werden, wo doch das Arbeitsgebiet ganz woanders liegt. Und das ist gewiß die größte Schwierigkeit bei diesen Anfragen, Auskünften und Auftritten.

Nebenbemerkung fürs Finanzamt: Das meiste wird französischem Brauch entsprechend entweder gar nicht oder höchst bescheiden entlohnt. Sollten sich darum hinter der Auskunftsbereitschaft gar patriotische Gefühle regen? Eher ist wohl ein bißchen Eigennutz im Spiel. Denn so kommt unsereins unters Volk, trifft Industrielle und Intellektuelle, Arbeiter und Angestellte, Pariser und Provinzler. Das tägliche Morgengebet des Journalisten, die Lektüre der Zeitungen also, darf dabei weniger inbrünstig ausfallen, sich eher auf die Berichte aus Deutschland konzentrieren, wo doch Frankreich in merkwürdiger Ruhe verharrt. In den Deutschlandreportagen wie in jenen Deutschstunden wachsen Zweifel und Besorgnis über diese deutschen Nachbarn, die für Frankreich so wichtig und doch irgendwie sehr fremd geblieben sind. Es wächst vor allem die Wut über den selbsternannten Europäer Kohl, der seine europäischen Nachbarn vor den Kopf stößt: Und an diesem Punkt wird die Alltagsarbeit als Korrespondent wieder aufgenommen.

Joachim Fritz-Vannahme