Im Konflikt um die Arbeiterpolitik unterlag Bismarck dem jungen Kaiser Wilhelm II.

Von Karl-Heinz Janßen

Der Hilferuf kam mit der Frühpost. Geheimrat Fritz von Holstein, die Graue Eminenz im Auswärtigen Amt, bat den preußischen Gesandten am großherzoglichen Hof zu Oldenburg, Philipp Graf zu Eulenburg, schleunigst nach Berlin zu kommen. Es klang wie ein Befehl: „Bitten Sie um Urlaub wegen Privatangelegenheiten. Richten Sie sich bitte so ein, daß Sie nicht später als Donnerstag, womöglich früh, hier sind. Morgen abend spät wäre noch besser.“ Und dann wird es konspirativ: „Telegraphieren Sie an mich nicht von Oldenburg, sondern von Hannover, ohne Unterschrift, nur Stunde der Ankunft.“

Dieser Brandbrief vom 11. März 1890 versetzt uns mitten in die Verschwörung, die vor hundert Jahren den Sturz des Reichsgründers Otto Fürst Bismarck herbeiführte. Der seit Wochen schwelende Konflikt zwischen Kaiser Wilhelm II. und dem Reichskanzler hatte sich gefährlich zugespitzt. Holstein fand, „daß jede Stunde von Wert für den Kaiser ist“. Wie so oft wurde die Kanzler-Fronde in Berlin von Panik erfaßt bei dem Gedanken, der junge Wilhelm könnte wiederum vor dem gefürchteten alten Kanzler in die Knie gehen.

Da half nur noch „Phili“ Eulenburg, der dem zwölf Jahre jüngeren Monarchen inniglich zugetan war. Viel später, als Eulenburg wegen homosexueller Verfehlungen vor Gericht kommt, wird ihn der Kaiser schmählich im Stich lassen. Aber zu dieser Zeit himmelte er den Grafen an, diesen liebenswürdigen Causeur von altem ostpreußischem Adel, der sich auch als Balladendichter, Liederkomponist und -sänger einen Platz in der wilhelminischen Gesellschaft erworben hatte. Auf seinem brandenburgischen Schloß saß Eulenburg der „Liebenberger Tafelrunde“ vor, einem homoerotisch angehauchten Männerbund, in den er den vereinsamten Prinzen Wilhelm (Spitzname „Das Liebchen“) eingeführt hatte.

Herr von Holstein hingegen, ein diplomatisches Ziehkind der Bismarcks, saß über seinen Akten im dunklen Gemach des Auswärtigen Amts oder bei Borchard vor einem Schnitzel à la Holstein und zog wie eine Spinne im Netz seine Intrigen. Im Machtkampf zwischen Bismarck, der um die innenpolitische Stabilität und die äußere Sicherheit des neuen Reiches bangte, und dem ebenso tatendurstigen wie sprunghaften Wilhelm mit seinen hochfliegenden Plänen, der nach dem Tod seines Vaters im Dreikaiserjahr 1888 viel zu früh den Thron bestiegen hatte, eignete sich Eulenburg besonders gut als Zwischenträger. Denn er war auch im Hause Bismarck gern gesehen, freilich mehr seiner musischen Begabung wegen.

Es wäre zu einfach, wollte man die Ursache der Spannungen zwischen Bismarck und Wilhelm II. einzig dem Generationensprung bei der Erbfolge zuschreiben oder der geistig kaum noch zu überbrückenden Erfahrungsspanne zwischen einem Fünfundsiebzigjährigen und einem Dreißigjährigen. Vielmehr wurde der Kanzler Opfer einer grandiosen Selbstüberschätzung seiner Macht. Seit 28 Jahren lenkte er das Staatsschiff; er war der gar nicht so heimliche Diktator Deutschlands. Wissenschaftler haben sein Regierungssystem (nach dem Muster Napoleons III.) als bonapartistisch oder cäsaristisch beschrieben. Treffender witzelte der alte, bescheidene Wilhelm I.: „Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein.“ Während der 99 Tage des todkranken Friedrich III. hatte sich an diesem auf den Kopf gestellten Herr-Diener-Verhältnis nichts geändert.