Mehr als 60 000 Autos umrunden sie täglich. Den Spaziergängern im Tiergarten dient sie zur Orientierung. Als Ost WestAussichtsturm hat sie es zu touristischem Renommee gebracht wie auch, liebevoll "Gold Eise" genannt, zu einem festen Platz im Herzen der Berliner. Eine Oper wurde ihr gewidmet. Den "Sternstunden" zur 750 Jahr Feier diente sie als Kulisse, ebenso alljährlich den Alliierten zu ihrer Militärparade. 10 000 DDR Bürger sind in jener Woche nach dem 9. November auf das Denkmal geklettert, das ihnen schon immer zum Greifen nahe schien und doch unerreichbar war. Kurz: Was wäre Berlin ohne die Siegessäule?

Aus der Nähe betrachtet, trübt sich das Idyll. Man sieht sterbende und triumphierende Krieger, ein Gemetzel, in Bronze gegossen. Die Sockelreliefs, lange versteckt in Kellergewölben von Paris und Spandau, sind an ihren alten Ort zurückgekehrt. Sie zeigen noch deutlich die Blessuren des vergangenen Krieges. Es fehlen Arme, Beine, Köpfe; Einschüsse künden von der bewegten Vergangenheit. Die Geschichte hat Spuren hinterlassen, die in handgreiflichem Kontrast stehen zu dem, was eigentlich dargestellt ist.

Die Reliefs, gegossen aus der Bronze erbeuteter Geschütze, zeigen Szenen aus den drei sogenannten "Einigungskriegen": die Erstürmung der Düppeler Schanzen beim Feldzug gegen Dänemark 1864, die Verleihung des Ordens "Pour le merke" an den Kronprinzen auf dem Schlachtfeld von Königgrätz im "Deutschen Krieg" 1866, die Übergabe der Kapitulationsurkunde in Sedan im deutsch französischen Krieg 187071 und schließlich, ursprünglich unter der Widmung "das dankbare Vaterland dem siegreichen Heere", die am Granit noch heute zu erahnen ist, den Triumphzug in Berlin. Viele der Beteiligten, von den deutschen Monarchen bis hin zum Feldprobst und, nicht zuletzt, dem Baumeister der Säule selbst, Oberhofbaurat Heinrich Strack, sind auf der Säule portraitiert. Die "eherne Kriegschronik" nennt beim Namen, wem Ehre gebührt.

Über den Reliefs erhebt sich, ein Überbau auch im übertragenen Sinne, eine tempelartige Rundhalle. Das am Säulenschaft umlaufende Mosaik stellt, nach Entwürfen Anton von Werners und so, wie es Wilhelm L, noch in Versailles weilend, vorgegeben hatte, halb allegorisch, halb realistisch die "Rückwirkung des Kampfes gegen Frankreich auf die deutsche Einigung und die Schaffung des Deutschen Kaiserreiches" dar. Man sieht im Zyklus alles Übel, Kriegsfurie und Pesthauch aus dem Westen kommen und eine Gestalt, die die Züge Napoleons I trägt. Die deutschen Länder, symbolisiert durch die Waffenbrüderschaft Preußens mit Bayern, schließen sich zusammen. Am Ende überreicht eine Figur, die als Ludwig II aus Bayern von hinten nur angedeutet wird, umgeben von germanischen Kriegern und dem soeben im Kyffhäuser erwachenden Barbarossa, die Reichsinsignien an eine Allegorie, die für den Kaiser steht. Weder eindeutig Germania noch Borussia, bleibt es offen, wer gemeint ist, steht doch das ursprünglich preußische Ruhmesmal für die Verherrlichung des kleindeutschen Nationalstaats. Doch auch sonst reimt sich hier nicht viel: Es gab keine Reichsinsignien; die alten lagen und liegen in Wien, und Ludwig II hatte sich die Prozedur der Proklamation erspart.

Politische Verlegenheiten wurden also kaschiert. Wer auch immer sich in diesem Denkmal wiedererkennen wollte, konnte dafür gute Gründe finden. Nicht zuletzt an die organisierte Arbeiterschaft, "vaterlandslose Gesellen" allemal, hatte man gedacht, freilich in ganz anderem Sinne: Ein "Blousenmann", Symbolfigur der Commune, auf den Steinen der Barrikade, ist im Relief des deutsch französischen Krieges dargestellt. Die Faust in der Tasche, läßt er die Parade der deutschen Soldaten über sich ergehen.

Die Säule selbst, mit den Beutekanonen aus den drei Kriegen geschmückt, trägt als Krönung die über acht Meter hohe, golden strahlende Siegesgöttin samt Lorbeerkranz und Feldzeichen mit Eisernem Kreuz. Auf ihrem Kopf der Adlerhelm, der sie dem Zeitgenossen auch als Borussia erscheinen ließ.

Trotz aller Vieldeutigkeit im Detail, in keinem zweiten so aufwendigen nationalen Denkmal des Kaiserreichs ist der preußische Führungsanspruch im Reich so unverblümt herausgestrichen worden. Krieg und Sieg unter preußisch militärisch monarchischer Führung haben den Nationalstaat zustandegebracht. Die Fürsten huldigen dem neuen Kaiser, der der alte sein soll: "Barbarossa" — "Barbablanca": "der Weißbart auf des Rotbarts Throne". Das Volk ist vor allem als "Volk in Waffen" gedacht. Reichsgründung "von oben" oder "von unten"? Die Siegessäule zumindest kennt da keinen Zweifel. Sie ist eines der politischsten Denkmäler des Reiches. Für das Nationaldenkmal am Niederwald bereits war eine walkürenhafte Germania die passende Allegorie. Die Münchner Friedenssäule gar, ein Vierteljahrhundert später errichtet und auf das Berliner Vorbild anspielend, unterstreicht mit einer streng klassischen antiken Nike eine geradezu abgeklärte Deutung aus süddeutscher Sicht.