Tartar und Torte, Cornflakes und Kasseler, Lachsschinken und Marmelade, Joghurt und Braten, Orangen und Bratheringe, die Tische biegen sich – und alles ist umsonst. Inbegriffen im pauschalen Übernachtungspreis von 185 Mark und das im Fünf-Sterne-Hotel. Die Kollegen wundern sich, daß ich just zu Messezeiten und zu so vergleichsweise günstigen Konditionen luxuriöses Quartier bezogen habe (Swimmingpool, Parkhaus, Souvenir-Boutique, 24-Stunden-Room-Service, Farbfernseher, Minibar und ähnliche unabdingbare Kleinigkeiten selbstverständlich inklusive). Bei Preisgabe meines Geheimtips ziehen sich staunend Augenbrauen hoch, herrscht für Sekunden verdutztes Schweigen, entfährt ein überraschtes „Wie interessant“. Auch Taxifahrer beglücke ich nur bedingt mit der Nennung meines Fahrziels: „Hotel Metropol“ – Ost-Berlin.

Unter ausgefuchsten Reiseprofis galten zum Beispiel „Grand Hotel“ und „Palasthotel“ schon seit längerem als wohlfeile Absteigen, vornehmlich zu Zeiten, in denen nur noch in Hinterzimmern von Privatpensionen Quartier zu ergattern ist. Aber einfach so im Osten wohnen? Klipp und klar: Ja. Für West-Touristen, die in harter Währung löhnen, wurden die Paläste schließlich hingestellt. Devisentransfer der angenehmen Art.

Das Zimmer ist geräumig, das Bett breit, das Design wohltuend dezent – alles in hellem Holz gehalten –, das Radio funktioniert und tönt, was man im Westen leider kaum erlebt, auch im Badezimmer, der Wecker läßt sich idioteneinfach bedienen und klingelt pünktlich, es ist lediglich viel zu warm, und ich bringe es nicht fertig, die Heizung zu regulieren. Im Badezimmer stehen Hausschuhe bereit, hängt ein Fön an der Wand, das Körbchen mit den wohlassortierten Kosmetikutensilien wird aufgefüllt, sogar ein Fläschchen Eau de toilette steht auf der Konsole. Daß Duftgeschmäcker verschieden sind, kann man nicht dem „Metropol“ anlasten. Und daß die Klobrille nicht bundesdeutsche Stabilität hat, sei’s drum.

Der Unterschied zu einem Hotel im Westen? In den Valuta-Häusern – kaum einer. Kreditkarten werden ebenso selbstverständlich angenommen wie Trinkgelder in D-Mark. Nur beim nächtlichen Amüsement in der Bar scheint es zu hapern. Mit schwerer Zunge klagt ein englischsprachiger Gast der distanzierten Dame an der Rezeption, er fände kein Mädchen zum Tanzen, und ob nicht sie vielleicht. .. Sie will nicht und schaut noch eine Spur strenger als ohnehin.

Andere Wünsche werden prompt erfüllt. Zum Beispiel der nach einem Taxi. Ihr Wagen kommt in zehn Minuten. In acht ist er da, ein betagtes Ostberliner Taxi. Der Grenzübergang am Potsdamer Platz oder an der Invalidenstraße ist minutenschnell passiert, ungewohnt für den ständigen Ost-West-Wechsler bleibt nur, daß er bei jedem noch so kleinen Ausflug seinen Paß mit sich herumtragen muß. Der Stadtplan für West-Berlin liegt griffbereit, und der Taxler steuert sein Auto so rasant, als säße er am Steuer eines PS-starken Sportwagens. Der Fahrgast bekommt schweißnasse Hände, nicht nur von der Hitze im Wagen. Die Bremsen, so hofft er, werden besser funktionieren als die Kurbel für die Fensterscheibe, die nur auf Brachialgewalt reagiert. Der Fahrpreis wird, ohne mit der Wimper zu zucken, eins zu eins in D-Mark akzeptiert.

West-Taxler streichen ganz offiziell fast das Doppelte vom Preis ihrer Kollegen ein. Theoretisch müßten sie leer über die Grenze zurückfahren. Das scheint ihnen mindestens noch einmal zehn Mark wert. Geschickte Verhandlungstaktik indes kann manches mildern.

Schließlich bleibt auch noch der Weg mit der S-Bahn, etwa wenn man im messeüberfüllten West-Berlin kein Taxi ergattert. Für 2,40 D-Mark schunkelt’s in museumsreifen, zu Berufsverkehrszeiten rappelvollen Zügen vom Bahnhof Zoo zum Bahnhof Friedrichstraße (West), Beklemmung kommt auf beim Einreihen in die langen Schlangen an der Grenzkontrolle, auch wenn das Durchschleusen blitzschnell vorbei ist.

Spätnachts, wenn in West-Berlin noch vergnügt-helle Hektik herrscht, sind die Straßen drüben öde und verlassen, wirken die mächtigen alten Bauten noch ein bißchen grauer, müder. Das Hotel „Metropol“ funkelt im Lichterglanz – eine strahlende Insel. Monika Putschögl