88 Zeilen, sagte der wachhabende Kollege, darf ich hier schreiben, und ob das reiche. Ja, aber! Was denn, wie denn? Da sammelt sich linkes Volk, da rotten sich – auf Einladung von Carola Stern und Klaus Staeck – die neuerdings wieder so genannten Intellektuellen im heilig rebellischen Köln zusammen, da ruft wer "mehr Demokratie" und "soviel Anfang war nie", und jemand flüstert "68 redivivus" – und dann nur 88 Zeilen? Ah, da weht doch Märzenluft, da werden die Geduld und die Bescheidenheit ein Ende haben. Da werden die Barrikaden instand gesetzt: Wann – wenn nicht jetzt?

Fangen wir bei uns doch an: Weg mit der Bundeswehr, Rekruten, geht nach Hause! Weg mit dem Verfassungsschutz! Weg mit Uniformen, Grenzen, Gängelei, so werden sie rufen. Es ist vorbei, es ist der Moment gekommen, auf den Europa seit 1789 gewartet hat: gerade noch einmal davongekommen.

Und schon mitten in der nächsten, vielleicht letzten Katastrophe. Also werden sie in Köln rufen, denn höchste Zeit ist es: Rettet die Rest-Natur jetzt! Autos raus! Macht die Innenstädte zu. Enteignet endlich den ADAC zugunsten der Bundesbahn! Es wird turbulent zugehen. Je konkreter die Forderungen, desto hitziger die Debatte. Und weg mit dem Jäger 90 natürlich, sofort, mit Raketenmodernisierungsprogrammen aller Art – und mit dem so Eingesparten ein wenig abbezahlt von dem, was wir der "Dritten Welt" noch schulden! Denn wer bloß erfand die groteske Mär, daß jene, nach Jahrhunderten der kolonialen Ausbeutung, uns etwas schulden? Ja, so wird es sein. Jetzt, da Europa aufbricht, da Deutschlands "Linke" (nur herein!) Schulter an Schulter mit Solidarnosc-Leuten und Memorial-Aktivisten, jetzt da...

Nein, so war es nicht. Neu war’s. Sozialdemokratisch. Alle kamen, das stimmt: Friedrich Schorlemmer und Johannes Mario Simmel, Mihaly Vajda und Oskar Negt, Janusz Onyszkiewicz, Oskar Lafontaine, Lew Kopelew, Monika Wulf-Mathies, Katja Ebstein und dreihundert weitere Damen und Herren vom Kulturattaché der Niederländischen Botschaft bis zu einem Mitglied des Moskauer ZK, samt Journalistenschar aus aller Welt. Und was geschah?

Zufriedenheit. Zufriedenheit geschah. Die Zukunft wird sozialdemokratisch sein von den Azoren bis Tiflis – ob nun nach schwedischem, bundesdeutschem oder spanischem Modell –, und Gattamelata Oskar trommelte Troß und Marketendervolk zusammen für den Marsch auf Bonn, respektive Berlin. Vom neuen Sicherheitssystem war die Rede, von deutsch-polnischen Brigaden, von der "Herausforderung Umwelt". Nie wieder Nationalismus – logo! Krieg, Öko etc. dito. "Unsere osteuropäischen Gäste" bedankten sich artig für die Ostpolitik der siebziger Jahre, meckerten sanft ob des Liebesentzugs seitens der SPD in den Achtzigern und baten eindringlich um Beistand für die Neunziger.

Sozialismus à la Breschnjewscu, das war allen klar, ist tot. Kapitalismus à la Thatcher auch nix gut. Ja, so wird’s wohl sein. Nur einige von den zornigen Alten wurden fuchtig: Der ehemalige Verfassungsrichter Helmut Simon rief nach einer radikaldemokratischen Verfassung fürs neue Deutschland, und Katharina Focke beschwor in einem leidenschaftlichen Plädoyer eine scharfe Kehrtwende in der Nord-Süd-Politik.

Aber das waren auch schon der Forderungen kühnste gewesen inmitten still-behaglicher Meditationen über Dritten Weg und Utopie (dum Spiro spero – wie der Lateinlehrer so gerne resümierte) in diesem einig Kreise, als am Ende der ehrwürdige Lew Kopelew in samowarhafter Gewißheit das Fazit zog: Die Politik ist viel zu wichtig, als daß man sie den Politikern überlassen darf.

Tja, und so geschah es, lieber Kollege, liebe Leser, daß ich schon nach 79 Zeilen dicke fertig bin. Das heißt halt! In Köln darf natürlich der Papst nicht fehlen: nicht der grausige Johannes Paul, sondern der kleine Dicke, der unvergessene Dreiundzwanzigste. "Ecco, basta, corregio figlioli, andiamo!" pflegte er zu rufen – "Schluß jetzt, das genügt, nur Mut, meine Jungen, gehen wir weiter!" Benedikt Erenz