ZDF, Donnerstag, 22. März, 23.30 Uhr: „Erloschene Zeiten“

Seiner Sehnsucht nach Wien sucht der polnische Regisseur Krzysztof Zanussi eine Sprache zu geben; seinem nicht nur nostalgischen, sondern eben auch hoffnungsvollen Gefühl, das ihn regelmäßig in dieser Stadt befällt. In der Stadt, wo alles zu groß sei, die Plätze, die Gebäude, die Parks. – Was bedeutet diese Größe, dieser leere Raum, der da bewahrt wird? Bedeutet er nur eine Vergangenheit, oder auch eine Zukunft? Zanussis Sehnsucht gilt dem Mitteleuropa seiner Vorväter italienischer und galizischer Herkunft, die Eisenbahnen bauten im Habsburger Großreich.

Wie sie will er Verbindungen schaffen, „damit Europa etwas weniger geteilt sei, als es heute ist“ (der Film entstand vor zwei Jahren). Und er sucht die Spuren dieser einst so fruchtbaren Verbindungen im Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Er versucht eine Zusammenschau wichtiger geistiger Zeugnisse dieser Vorkriegszeit, er läßt die einstige geistige Elite in authentischen Selbstzeugnissen zu Wort kommen: Stefan Zweig, Sigmund Freud, Alma Mahler, Hugo von Hofmannsthal, die Fürstin Radziwill, Adolf Hitler.

Zanussi fragt nach den Gründen des Zusammenhaltes und der Auflösung des Großreiches; er will etwas über die innere Logik der mitteleuropäischen Geschichte erfahren. Und er erfährt, daß dieses fruchtbare Vielvölkergemisch, die Wiener kulturelle Hochblüte, natürlich einen Preis hatte. Es kostete die von Zweig beschworene Konzilianz und Toleranz, die einfach aufgebraucht war, als der Krieg ausbrach und die friedfertigsten Bürger sich plötzlich in geifernde Nationalisten verwandelten. Ein Stimmungsumschlag, eine psychische Dekompensation, die wohl auch damit zu tun hatte, daß ihr ein „goldenes Jahrhundert“ vorangegangen war, ein rührendes Vertrauen auf Sicherheit, Wohlstand und Frieden, das Zweig zu Recht „hoffärtig“ nennt.

Hitler begegnen wir, als er nach Kriegsausbruch verwundet im Lazarett liegt; er schimpft Wien die Verkörperung der Blutschande und Rassenvergiftung, während die Schwester mit dem Nachtgeschirr durchs Bild schwebt. Eine feine Ironie tut Zanussis nostalgischer Bestandsaufnahme gut. Was wir hören und sehen, sind von Schauspielern gesprochene Zitate; diese Distanz ist dem reflektierenden Ton des Filmes dienlich. Das gebrochene Deutsch des Autors Zanussi, die sichtbaren Abbrüche verschiedener Szenen, wo Schauspieler „aussteigen“, weil ihnen die Sätze unglaubwürdig erscheinen: die Beschwörungen des Gestern werden immer wieder ironisch gebrochen und so eigentlich erst erträglich.

„Künstler sind um so größer als Mensch, als sie in der Kunst groß sind“, muß Elisabeth Trissenaar als Alma Mahler sagen. Aber sie glaubt nicht dran, der Satz mißlingt, sie lacht, Zanussi winkt lachend zur Kamera hin. Die Szene wird abgebrochen – und ist gelungen. Gelungen im Stil dieser Kollage, die nicht nur Vergangenes beschwört, sondern ebenso die Neugier und Skepsis derer schildert, die sich da gemeinsam auf die Suche begeben haben – nach neuer Toleranz, nach neuer Kraft, einander auszuhalten in Mitteleuropa, nach Jahrzehnten der Spaltung und Abgrenzung. Martin Ahrends