In Italo Calvinos Kosmosgeschichten trifft Evolutionstheorie mit Literatur zusammen. Jede Geschichte geht – mit Ausnahme der vier „deduktiven Erzählungen“ am Schluß des Bandes – von einer wissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen These über den Anfang der Welt aus, auf die der Held und Erzähler namens Qfwfq Bezug nimmt und die er im freien Erzählstil fortentwickelt. Dieser Held ist seit Anbeginn bei der Weltentstehung dabeigewesen. Er weiß, welche Verwirrung die Vögel bei ihrem ersten Auftauchen auslösten; er hat die Erde noch ohne Atmosphäre erlebt; er kann sich daran erinnern, wie die Sonne das erste Mal aufging. Qfwfq hat den Mond noch so nah gesehen, daß man ihn besteigen konnte.

Mit hinreißender Ironie erfindet Calvino abstruse Lebenslagen, aber vor allem entdeckt seine Fabulierlust stille, weite Räume, imaginiert Auflösungen und Metamorphosen. Die meisten dieser Geschichten stellen den Augenblick dar, in dem komplexe Störungen bestehende Zustände im Kosmos verändern. Mit einer unglaublich leichten Sprache erschafft Calvino bezaubernd poetische Textstellen besonders dann, wenn er die Transparenz zwischen Unendlichem und Konkretem sichtbar macht, wenn aus Plasmawolken aus Gas und Staub Schatten neuartiger Gestalten in flüchtigen Nebeln erscheinen.

Erst nach einer gewissen Zeit der Eingewöhnung sind die Protagonisten dieser Erzählungen fähig, „mit einem Minimum an Methode“ zu agieren, mit einer Methode jedoch, die immer damit rechnen muß, daß die Welt ihren eigenen Weg geht. Qfwfq lacht, aber, schon erheblich verunsichert, muß er bald feststellen, welch ein Unterschied zwischen der Entdeckung eines wissenschaftlichen Paradigmas und seiner Wirkung im Leben besteht. Ironisch, nicht ohne Melancholie betrachtet Qfwfq sein Leben wie von außen, als Drama und Komödie, eine Grande Albernheit mit sich selbst als Grand Guignol.

„Cosmicomiche“ ist 1965 bei Einaudi erschienen, eine Fortsetzung folgte 1967. In der Ausgabe von 1984 bei Garzanti wurden beide Bücher unter dem Titel „Cosmicomiche vecchie e nuove“ vereint und um einige Geschichten erweitert. Diese Ausgabe ist auch die Grundlage der jetzt publizierten neuen deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber. Die Texte Italo Calvinos, der 1985 im Alter von 62 Jahren in der Nähe von Siena starb und früh schon weit über Italien hinaus große Aufmerksamkeit fand, sind immer Literatur über Literatur und mit Literatur; aber auch naturkundliche und naturwissenschaftliche Fachliteratur sollen ihm helfen, aus der engen Form der menschlichen Logik auszubrechen. „Die Wissenschaft interessiert mich, insofern ich durch sie aus einer antropomorphen Anschauungsweise auszubrechen versuche; gleichzeitig bin ich aber davon überzeugt, daß unsere Einbildungskraft nur antropomorph sein kann.“

Antropomorph gedacht und gesprochen, würde man dann jenen Zustand, der Qfwfq mehrmals geradezu zusammenrüttelt, Liebe nennen. Diese kosmisch komischen Evolutionsgeschichten sind zweifellos auch zarte, leichte Liebesspiele, die in allen Formen auftreten: Ein Bruder von Qfwfq heiratet eine Alge, sein Wasseronkel, der sich weigert, auf dem Lande zu leben, schnappt ihm die forsche Freundin von der Klippe weg, und er selbst erlebt zum erstenmal die körperliche Liebe mit einer Molluske. Pflanzen und Wesen sind in diesem Buch zarte Gehäuse mit gemeinsamer innerer Substanz, die sich, von tiefer Leidenschaft erschüttert, aber auch geschüttelt, in alles Mögliche dieser Welt verwandeln und verändern können – über die Grenzen hinweg: Cosmicomics kosmopolitisch. Maria Gazzetti

  • Italo Calvino:

Cosmicomics

Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber; Carl Hanser Verlag, München 1989; 424 S., 39,80 DM