Von Manfred Sack

Welch eine Enttäuschung – nichts zu sehen: ein weitläufiges Areal von zermürbender Beliebigkeit, uniformierte Wachleute von enormer Beflissenheit am Doppeltor. Besucherdienst, Passierschein, eine lange Fahrt durch das „Stammwerk Hoechst“ und irgendwo, mitten darin, das Haus C 770, backsteinbraun, mit Turm und Brücke, die Weltberühmtheit, das Firmenzeichen der Hoechst AG, die Inkunabel der expressionistischen Architektur. Als der Maler, Kunsthandwerker, Industrie-Designer und Architekt Peter Behrens es von 1920 bis 1924 baute, lag es noch an der Mainzer Landstraße, an einer Straßengabelung, dem leichten Knick der Straße folgend: Tor zur Stadt Hoechst, Triumph der Farbwerke Hoechst.

Doch welch ein Glück – es existiert! Obwohl das chemische Unternehmen schon ein Jahr, nachdem sein Technisches Verwaltungsgebäude vollendet war, im IG-Farben-Konzern aufging und dessen Verwaltung Sitz in Frankfurt nahm (in einem ebenso berühmten Bau von Hans Poelzig), blieb die Hauptsache unangetastet – die Ehrenhalle, ein Raum wie eine Orgelfuge.

Die meisten kennen ihn nur von Abbildungen; doch nun soll das anders werden, Besucher sind erwünscht, und das gleich ein Vierteljahr lang. Die Hoechst AG nahm sich den fünfzigsten Todestag ihres Architekten (am 27. Februar) zu Herzen und stellt am Ort der Tat aus, was das Archiv der Firma an Zeichnungen, Skizzen, Plänen und Dokumenten hergab, komplettierte es mit Photographien auch verwandter architektonischer und künstlerischer Erzeugnisse der Zeit, kommentierte es mit kurzen, erstaunlich inhaltsreichen Texten und hängte alles so an leinwandbezogene Tableaus an den Wänden der Halle und ihrer emporenartigen Umgänge, daß sich Entwurf und Verwirklichung auf fast den gleichen Blick betrachten und vergleichen lassen. Es ist, um es gleich zu sagen, eine intelligent gemachte, der Neugier wohltuende Ausstellung, die allerdings, wie auch anders, ihrem Gegenstand nicht die kleinste Konkurrenz bereitet: dem Raum aus „umbautem Licht“, wie die Schau genannt wird. Damit sind wir bei Peter Behrens und seiner einzigartigen, staunenmachenden Schöpfung.

Peter Behrens? Wenigstens beim Stichwort AEG werden, nehmen wir an: die meisten hellhörig. 1907, im selben Jahr, in dem der Deutsche Werkbund gegründet wurde, berief die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin den Künstler, der erst ein halbes Dutzend Jahre zuvor sein Haus in der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt hatte bauen dürfen, das erste Werk des architektonischen Autodidakten, zu ihrem Architekten, zugleich aber zu ihrem künstlerischen Beirat, der sich um alles zu kümmern hatte, was nach Gestalt verlangte, die Gegenstände der Produktion ebenso wie die Produktionsstätten und die Verwaltungsgebäude. So war Behrens Industrie-Designer, der Teekessel, Straßenlaternen, Uhren und Elektromotoren, Zahnbohrer, Brennscherenwärmer, Toaster und Schaltsäulen, Ausstellungspavillons und nebenbei auch Geschirr, Gläser und Bestecke entwarf. Er gestaltete Bucheinbände, Plakate, Kataloge und Prospekte und schuf neue Schriften – und baute zugleich den riesigen Komplex der Berliner AEG-Bauten am Wedding, deren Glanzbeispiele die Turbinen- und die Kleinmotorenhalle sind.

Auf den Reißbrettern seines Büros, in dem nicht zufällig Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Hans Döllgast gearbeitet und gelernt haben, entstanden Reihenhäuser, prächtige Villen und Mietshäuser des sozialen Wohnungsbaus, deren bekanntestes in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart steht, auch die beiden Warenhäuser am Berliner Alexanderplatz und die (jetzt von Intourist benutzte) Kaiserliche Botschaft in St. Petersburg. Vor allem aber baute er für die Industrie: für Conti in Hannover, für Mannesmann in Düsseldorf, eine Gasanstalt in Frankfurt am Main, eine Tabakfabrik in Linz (die mit ihrem unvergleichlichen Schwung und ihrer Klarheit eines der einprägsamsten Beispiele der Moderne wurde). Und er baute eben auch: das Technische Verwaltungsgebäude der Farbwerke Hoechst, das Hauptgebäude der Fabrik.

Es ist schon sehr erstaunlich, das Opus des 1868 in Hamburg geborenen, 1940 in Berlin gestorbenen Architekten, der Architektur nie studiert hat, der ein Maler war und Graphiker (berühmtestes Blatt: „Der Kuß“), ein „Nutzkünstler“, einer der letzten Universalisten, deren Ideal die Ganzheit einer Sache war, das Gesamtkunstwerk, so wie Gropius es als Ziel des Bauhauses umschrieben hatte: der neue „Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei“ – und Philosophie.