Bilder einer schweigenden Welt. Riffe, Schluchten, Gebirge, Korallenwälder, riesige und winzige Fische, blaues, schweigendes Licht. Bilder von Jacques Yves Cousteau und Louis Malle. Für "Die schweigende Welt", eine Unterwasserdokumentation, bekam Louis Malle 1956 die Goldene Palme von Cannes und ein Jahr später einen Oscar. Es war sein erster Film. Vielleicht muß man so weit zurückgehen, um zu begreifen, warum Louis Malle, der im nächsten Oktober 58 Jahre alt wird, nie ein Nouvelle Vague Regisseur war und auch keiner sein wollte. Die Nouvelle Vague kam vom Schreiben her, Malle vom Filmen, vom Handwerk. Die Autoren der Cahiers du Cinema saßen im Kino und entdeckten Hitchcock und Ray, Malle drehte mit Cousteau "Die schweigende Welt" war sein Ausgangspunkt, die Meeresbilder prägten seine Einstellung zum Film: den staunenden Blick, den Blick des Kindes und des Entdeckers. Malle war immer zu neugierig, zu unschuldig, um Autorenpolitik zu treiben. Die Nouvelle Vague forderte ein neues Sehen, Malle hatte nur einen neuen Blick. Er blieb ein Realist, auch als der Realismus im Kino zusammenbrach. Statt gegen das Establishment zu kämpfen, nistete er sich an seinen Rändern ein. So blieben ihm die Melancholien der späten Jahre erspart.

Im französischen Kino gibt es mehr Traditionen, als seinen Autoren lieb ist. Godard hat sich, weil er kein Traditionalist der Rebellion sein wollte, ein einsames Prophetendasein gebastelt. Godard und Truffaut variierten immer dieselbe Geschichte, machten sich zu Epigonen ihrer selbst, um nicht zu Epigonen von anderen zu werden. Eric Rohmer, vielleicht das größte Genie der Nouvelle Vague, dreht seine Filme nur mehr autistisch, ohne Berührung mit allem, was ringsherum im Kino geschieht. Aus kollektiven Kämpfern wurden Eremiten, aus eigener innerer Notwendigkeit, nicht weil die Filmindustrie es befahl. Louis Malle aber hat ganz unverkrampft die Tradition der Autant Lara und Delannoy, Jacques Becker und Rene Clement fortgesetzt. In seinen Filmen ging es immer mehr ums Thema als um Stil: der geplante Mord ("Fahrstuhl zum Schafott", 1957), Ehebruch auf dem Lande ("Die Liebenden", 1958), verfilmte Literatur ("Zazie", 1960), das Leben eines Stars ("Privatleben", 1961), Selbstmord ("Das Irrlicht", 1963), die Kunst des Diebstahls ("Der Dieb von Paris", 1966), Inzest ("Herzflimmern", 1971), Resistance und Kollaboration ("Lacombe Lucien", 1974), der Kampf der Geschlechter ("Black Moon", 1975), Prostitution im alten New Orleans ("Pretty Baby", 1977), kleine Ganoven in Atlantic City ("Atlantic City, USA", 1980), Intellektuelle in New York ("Mein Essen mit Andre", 1981), Einbrecher in San Francisco ("Crackers", 1983), Einwanderer in Amerika ("Alamo Bay", 1984), eine Kindheit im besetzten Frankreich ("Auf Wiedersehen, Kinder", 1987) Malle hat große und schöne, eindrucksvolle und anrührende Filme gedreht; Autorenfilme im eigentlichen Sinn sind nicht dabei. Malles Geschichten erzählen eher von Neigungen als von Obsessionen; vom Hingezogensein zu einer Epoche, einem Thema, einer Figur. Stets hat er der Industrie das Ihre und dem Publikum das Seine gegeben: Träume, Leidenschaften, Konflikte und Lösungen, sinnliche, malerische Bilder. Seine "Experimente", wie "Black Moon" oder "Viva Maria!" (1965), sind am raschesten gealtert; seine "braven", konventionelleren Filme überdauern die Zeit. Ein einziger Film von Truffaut, etwa "Jules und Jim", ist radikaler als alle Malle Filme zusammen. Aber mit Louis Malles Kino kann man sich immer einen schönen Abend machen. Das ist ein Makel und eine Qualität.

Ein einziges Mal, im Mai 1968 in Cannes, hat Louis Malle bei einer Revolte mitgemacht. Das Festival platzte, die Quinzaine des Realisateurs wurde gegründet, und Malle gab als Jurymitglied den Aufständischen Deckung "Ich stand inmitten dieser jungen Menschen, die über Utopie, Revolution und die Veränderung der Gesellschaft sprachen", erinnert er sich in einem Interview im Januar 1990 "Luis Bunuel bereitete in Paris einen Film vor. Die Arbeiten wurden unterbrochen Er sagte: Mein lieber Louis, wenn es nicht fünfzig Tote gibt, ist es keine Revolution Bunuel behielt recht.

Das ist lange her. Der Kampf wurde weder gewonnen noch verloren. Er wurde beendet. Er erstarb. Davon und von der Zeit, die inzwischen vergangen ist, handelt Louis Malles neuer Film: "Eine Komödie im Mai".

Zwei Männer bei der Arbeit. Einer liest laut Vergils "Bucolica" vor, der andere schüttelt eine Traube Bienen in einen Kasten "Onkel Albert sagte, nur Vergil kann die Bienen beruhigen Sie sind nervös dieses Jahr " — "Klar, das liegt in der Luft!"

Drinnen im Haus steht die alte Madame Vieuzac (Paulette Dubost) am Küchentisch. Sie weint, denn sie schneidet Zwiebeln. Im Radio hört man von Unruhen in Paris. Mai 1968.

Madame Vieuzac hat einen Herzanfall. Sie ruft das Hausmädchen, doch niemand kommt. Die alte Dame schleppt sich die Treppe hoch, fällt auf ein Sofa mit Kinderpuppen und stirbt. Mai 1968: Im Hause Vieuzac wird ein Testament eröffnet. Milou (Michel Piccoli), Madame Vieuzacs Sohn, der als fröhlicher Müßiggänger das Anwesen verwaltet, trommelt die Hinterbliebenen zusammen: seine Tochter Camille (Miou Miou), die ihren Mann und ihre drei Kinder mitbringt; seinen Bruder Georges (Michel Duchaussoy) samt Ehefrau Lily (Harriet Walter); seine Nichte Ciaire (Domi