Ihre Augen sind braun, die Lippen voll.

Der ganze Kopf mit frischen Löckchen. Im tiefen Ausschnitt baumeln zwei Kettchen, auch kichert sie oft und unvermittelt. Auf den ersten Blick könnte man Renate Schmidt für den Typ des herzigen Mädels halten. Das wäre ein Irrtum, Sie trägt ihr knallrotes Kostüm auf Taille und wird flankiert von zwei Männern. Der Versammlungsleiter, der Bürgermeisterkandidat. Vor dem Podium, umwallt von Zigarettenrauch, der SPDOrtsverein Olching. Es ist heiß im Saal des Kolpinghauses. Renate Schmidt, nach einem Referat über den Wohnungsbau und zu dieser vorgerückten Stunde schon etwas blaß, hat plötzlich wieder Farbe im Gesicht. Zornesröte: Wer denn in der SPD überhaupt noch zähle, ist ein Genösse im Spanienurlaub gefragt worden. Ihm sei keiner eingefallen. Auch werde er immerzu auf die Neue Heimat angesprochen Renate Schmidt beugt sich vor, sie ballt die Faust: "Hier bringt mir niemand die Neue Heimat auf den Tisch!" raunzt sie und haut aufs Podium. Kriminelle seien das gewesen, ja, vielleicht: "Aber die gibt es in der SPD deutlich weniger als anderswo!" Wie man die SPD heute verkaufen könne? Beschwörend: "Daß Marktwirtschaft ohne Gerechtigkeit gegen die Menschen gerichtet ist", ruft sie in die Runde, "das muß den Leuten doch klarzumachen sein!" Nur 8000 neue Sozialwohnungen gemeinnütziger Träger im vorletzten Jahr, dabei ein Bedarf von 350 000, ein Skandal! Die Faust hämmert, empört streckt sich der Daumen, staccato jetzt:

"Wir haben doch wirklich Anlaß zu glauben, daß wir, die SPD, die richtigen Rezepte haben, daß die SPD weder hier noch in der DDR negiert werden kann, und ich frage mich, was, wenn nicht das, Anlaß zur Freude sein kann!"

Beschämter Beifall. Die Genossin lehnt sich zurück. An ihrer Schläfe klebt ein Löckchen "Ich danke dir, Renate, für den Motivationsschub", stottert der Versammlungsleiter. Sie lacht.

Renate Schmidt ist über den SPDOrtsverein Olching wie eine Erleuchtung gekommen. In Olching ist Wahlkampf. Der Wahltermin: ausgerechnet der legendäre 18. März. Wie wird es schon sein? Wahrscheinlich guckt kein Schwein. Warum auch? In Olching scheint die Sonne. Frisch glänzen die Dächer, auf dem Golfplatz sprießt das Frühlings gras. Gegenüber soll das neue Golfhotel entstehen, die Pläne für das Bürgerhaus sind fertig, vierzig Millionen wird das kosten. "Olching ist eine typische Münchner Luxusgemeinde", hatte die Genossin Rita kleinlaut angemerkt, als sie den Gast aus Bonn ("Ich bin die Renate") am Vormittag vom Flughafen abholte und von ihr einer routinierten Befragung unterzogen wurde "Mehrheit?" Knappe Koalition mit den Freien Wählern "Grüne?" — "Reps?" — "Probleme?" — "Und das langt dann scho, ich will mich ja nicht niederlassen "

Es handelt sich eher um eine Art von Durchrauschen: ein Besuch im Altenheim St. Josef, die Podiumsdiskussion zum Wohnungsbau, Visite im Kindertagesheim am nächsten Morgen, um drei Präsidium in München, um fünf mit dem Zug in Nürnberg, mit dem Leihwagen weiter nach Ansbach, um acht Uhr Podium zum Thema Rentenpolitik "Es ist ja nicht so", hatte sie gleich im Flugzeug anmerken wollen, "daß ich diese Art der Politik nicht für ziemlich albern halte "

Nie länger als zwei, drei Stunden Zeit für etwas haben. Nie öfter als zwei, drei Mal pro Woche im Bundestag. Ob dies die sinnvolle Organisation sei, um politisch Dinge zu bewegen? Andererseits: Wolle man den Erfolg, dann müsse man so leben — "nur", setzt sie zweifelnd nach, "was ist dann Erfolg?"