ZDF, Mittwoch, 7. März: Volkstümliche Hitparade“; Donnerstag, 8. März: „Lieder so schön wie der Norden“

Wenn das Volk abends unter der Linde oder im Gasthaus sitzt und singt, da möcht sich wohl mancher dran freuen, vor allem das Volk selbst. Aber singt es noch Wüßte es, was es singen soll und wie man sich dran freut? Musik, vom Volke selbst gemacht und vorgetragen, stirbt aus. Es sei denn, man erkennt den Hang der Jugend zum Pop aus Amerika als multikulturelle Erneuerung an. Doch was machen die Alteren? Sind sie alle böse Menschen ohne Lieder? Nein, da ist das Fernsehen vor.

Die im Wort „Fernsehgemeinde“ anklingende Kraft des Mediums, viele zur nämlichen Stunde vor die Geräte zu bannen, sie via Scheibe kommunizieren zu lassen, ist immer noch eine seiner interessantesten Stärken. Die Liebhaber bestimmten Sendungen bilden spirituelle Vereinigungen. Sie ha.ten gleichsam Händchen durch die Wohnstubenwände hindurch und verschmelzen miteinander beim hingebungsvollen Schauen. Programme, die dieses Wunder an Millionen vollbringen, laufen zur besten Sendezeit und genießen den Respekt von Intendanten und Abteilungschefs.

Die „Volksmusik“ war im Fernsehen stets beliebt, doch jüngst wuchs ihre Gemeinde. Und die Sender reagieren auf die Nachfrage korrekt mit einer Erhöhung des Angebots. Da jodelt’s und schunkelt’s, trällert’s und tänzelt’s, fiedelt’s und schmettert’s auf allen Kanälen und rund um die Uhr. Die Linde und der Dorfgasthof, das Volk und seine helle Freude sind wieder da, nur singen tun jetzt Profis. Feuchten Auges lauscht die ältere Generation dem elektronischen Comeback ihrer Folklore, und heiser brummt sie mit: „Solang noch rote Rosen blühn ...“

Ob’s einen Zusammenhang gibt zwischen dem Dahinsterben jener prächtigen Vegetation, deren Photos die Kulisse bilden für die Auftritte des Naabtal-Duos und dessen enormen Erfolg? Ob’s eine Verbindung gibt zwischen der Zerrüttung dörflicher Idyllen durch Beton und Abgas und der Inbrunst, mit der die Hellwig-Schwestern so phantastischen Anklang finden? Ob es die Gewässervergiftung ist, welche die „Volksmusik“-Gemeinde vergessen will, wenn sie sich an „Liedern wie Ebbe und Flut“ berauscht? Wahrscheinlich. Schließlich dürfte es kein Zufall sein, daß just jetzt, wo die Bundesrepublik so viele fremde Bürger einzugemeinden hat, der Enthusiasmus für eine exklusive Heimat außer Rand und Band gerät.

Gut, das ist eine Erklärung. Aber ist es auch eine Rechtfertigung? Ist der Umwelt- und Zuwanderungskummer ein Grund, zusätzlich das Fernsehprogramm mit einer Nonstopshow lokalpatriotischer Besessenheit, mit übelstem Berges-, Wäldes- und Meereslustschmalz, mit Dirndl-, Gamsbarthütl- und Schuhplattl-Greuel, mit bösartig verlogener Waterkant-Sülze und abstoßend verzuckerten Älpler-Schmarrn zu belasten? Ist das ein Grund, gemeingefährliche Schmachtlappen um grenzdebile Moderatorinnen zu gruppieren, um damit eine Gemeinde abzustrafen, die eigentlich nur Sorgen hat und singen will? Schon gut, ich mäßige mich. Ich weiß, man soll einander nicht öffentlich beleidigen. Aber die andern haben angefangen. Barbara Sichtermann