Von Michael Zeller

Lange genug hat es ja gedauert, bis sie jetzt einen deutschen Verleger gefunden haben: die Erinnerungen von Maria Ley Piscator, Witwe der Theater-Legende Erwin Piscator – und sehr viel mehr als das. Immer noch gilt diese große alte Dame des Theaters als ein Juwel des deutschen Kulturlebens in New York, und kein Besucher verläßt ihr Haus, ohne dem jungmädchenhaften Charme dieser Frau erlegen zu sein. Was sie zu berichten hat, in ihren Neunzigern, ist vom Atem eines ganzen Jahrhunderts getragen, und die Lebendigkeit ihres mündlichen Erzählens hat sich auch in dem Buch erhalten, wie es jetzt vorliegt, „Der Tanz im Spiegel“, denn Maria Ley Piscator hat den Text diktiert, auf Englisch, mit ihrem immer noch unverkennbar starken deutschen Akzent.

Freilich: eine nüchterne, abgewogene Bilanz ihres langen Lebens, das dem quellenkritischen Blick eines Historikers standhielte: So viel Distanz darf der Leser von diesem „Tanz im Spiegel“ nicht erwarten. Maria Ley Piscator erzählt ihre Biographie als ein Märchen, als den Lebens-Traum einer Frau, die entschlossen war und ist, Kind zu bleiben, in ihrer eigenen Realität zu leben – zunächst aus Anlage und Neigung, dann mit Energie und Entschlossenheit. So kommt es, daß der Leser immer den Eindruck hat, es handele sich bei der Heldin dieses Lebens-Märchens um eine alterslos junge Frau, die das Erwachsenwerden vermieden hat, mit List und Kunst; ja: Kunst vor allem.

„Träume, mein Kind. Nur in deinen Träumen wirst du stark genug sein, über diese Welt zu lachen. Träume sind dein Lächeln im Spiegel der Welt. Träume, mein Kind, denke und fühle und sei. Das ist alles.“ Diesem Rat der Mutter ist Maria Ley zeitlebens treu geblieben, bis heute. Noch jenseits der Vierzig, nach zwei Ehen, die mit dem Tod der Gatten endeten, nach der Vertreibung aus Europa, schreibt sie in ihr Tagebuch: „Ich stelle immer wieder fest, daß die reale Welt an mir vorüberzieht und daß dies nicht meine Welt ist. Ich kann nichts mir ihr anfangen. Die Welt ist, was sie ist.“

Das Lebens-Märchen von Maria Ley beginnt Ende des letzten Jahrhunderts in Wien, in einer Rokokovilla, umsorgt von einer (adeligen) Gouvernante: in der Welt des schönen Scheins. Dann bricht die Realität ein. Welches Gesicht zeigt sie? Krieg, Geldentwertung, Verarmung. Das Haus muß verkauft werden, der Vater setzt sich ab, die Mutter gibt früh auf und stirbt. Eine erste Ehe in gefährdetem Luxus endet mit einem Bankrott. Maria Ley, ausgebildet in klassischem Ballett, macht den Tanz zu ihrem Beruf, notgedrungen. Sie geht nach Paris, erobert sich dort die Bühnen, wird ein Star, umjubelt an der Côte d’Azur, in New York und Südamerika. Es folgt eine zweite Ehe mit einem jüdischen Industriellen. Der Faschismus zieht drohend auf. Der Mann bringt sich um, aus Furcht vor Hitler.

Dann die Begegnung mir Erwin Piscator, die ihr, wie es so schön heißt, zum Schicksal wird. Piscator, Erfinder des „Proletarischen Theaters“, beherrschte neben Max Reinhardt die deutschsprachige Bühne in der Weimarer Zeit. Jetzt lebt er in Paris, exiliert, mittellos. Dort heiraten die beiden, 1937. Es folgt die Auswanderung nach Amerika. Zusammen bauen sie in New York den Dramatic Workshop auf: „eine Schule, die ein Theater ist, ein Theater, das Schule ist“. Generationen von amerikanischen Schauspielern, Regisseuren, Bühnenbildnern gehen aus diesem Institut hervor.

Maria Ley Piscator hat ausführlich über diese Pionierarbeit bereits 1967 berichtet, in dem Buch „The Piscator Experiment“, das nur in Amerika erschienen ist. Jetzt gibt sie, diskret genug, die Innenansicht dieses persönlichen und künstlerischen Zusammenspiels zweier so unterschiedlicher Temperamente frei: dort der calvinistisch geprägte, gewissensstrenge Blick hinter die Dinge; hier das rokokohafte Tändeln über die Widerstände hinweg. Dann das Eingeständnis des Scheiterns: „Beide, Erwin und ich, wir schienen allein zu sein, geboren im Zeitalter der Emigration: Der Fluß war zu stark, und jeder von uns konnte nur seine eigene Insel finden.“