Von Fredy Gsteiger

Kopenhagen/Den Haag/Bern, im März

Wenn sie bloß aufhörten, Sandburgen zu bauen. Nüchtern betrachtet wären die Deutschen ja willkommene Urlauber an der westjütländischen Küste. Sie betragen sich ordentlich und lassen die Sommerhäuser meist sauber und in gutem Zustand zurück. Doch die Festungen aus Sand, womöglich noch mit der schwarzrotgoldenen Flagge verziert, gemahnen die Dänen denn doch zu sehr an Besitzergreifung.

„Die Dänen sind ein Volk, das in der unbeschränktesten kommerziellen, industriellen, politischen und literarischen Abhängigkeit von Deutschland steht. Es ist bekannt, daß die faktische Hauptstadt von Dänemark nicht Kopenhagen, sondern Hamburg ist.“ Das hat Friedrich Engels geschrieben, und zwar schon 1848. Aber es wirkt nach. Noch immer wird jedem dänischen Kind von den Eltern eingetrichtert: „Wir sind nur ein kleines Land. Glaub’ bloß nie, daß du wer bist.“ Und niemand spottet darüber, daß noch in den sechziger Jahren der damalige Außenminister Per Haekkerup den jungen Diplomaten einbleute: „Dänemark hat drei große außenpolitische Probleme; dies sind Deutschland, Deutschland und abermals Deutschland.“ Provozierend folgert heute Schatten-Außenministerin Ritt Bjerregaard: „Politisch und wirtschaftlich gehört Dänemark zur norddeutschen Tiefebene.“

Mit dem Partner im Süden geht es den Dänen zwar gut, doch richtig warm wurden sie mit ihm nie. Selbst Ministerpräsident Poul Schlüter entschlüpfte unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer der Satz, eine deutsche Wiedervereinigung sei nicht eben das, „was ich persönlich mir wünsche“.

Seither hat sich die politische Klasse in Kopenhagen auf eine andere Sprachregelung besonnen: Das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen gehe natürlich vor. Man schickt sich ins Unvermeidliche und hofft, daß bald wieder bequeme Stabilität in Europa einkehrt. Der frühere sozialdemokratische Justizminister Ole Espersen gibt zwar offen zu, er sei nicht der Meinung, daß sich die Deutschen von 1990 wesentlich von jenen des Jahres 1939 unterschieden – wie das auch bei keinem anderen Volk in so kurzer Zeit möglich wäre –, aber er ist überzeugt, daß die heutigen Institutionen vom Grundgesetz bis zu den Banden der Nato und EG das Wiederaufleben eines deutschen Großmachtwahns verhindern würden.

Der deutsche Nachbar ist nah und fern zugleich: nah geographisch, wirtschaftlich, politisch und aufgrund des regen zwischenmenschlichen Austausches. In vielem aber sind Dänen und Deutsche fremde Partner geblieben. Im Labyrinth der neuen Kopenhagener Universität befindet sich das Institut für Germanistik in einer ganz entlegenen Ecke. Ein Zufall, der jedoch im Gespräch mit Germanistikprofessor Per 0hrgaard symbolische Bedeutung erhält. Noch zögern junge Dänen, das sprachlich nahverwandte Deutsch zu lernen. Englisch gilt als nützlicher, Französisch ist beliebter.