Von Gerhard Spörl

Nur schwer hat sich die Bonner Republik damit abgefunden, daß sie sich begleiten lassen muß von Skandalen und Affären, die mit einiger Regelmäßigkeit auftreten und die Öffentlichkeit in helle Aufregung versetzen. Auch daran läßt sich ablesen, daß die Demokratie verspätet und nicht ganz freiwillig über die Deutschen kam und wie lange sie sich ihrer nicht sicher waren. Die abgeklärte Neugierde, mit der Frankreich oder England Enthüllungen über politische Machenschaften oder private Verfehlungen ihrer politischen Klasse begegnen, löste deshalb oft Neid aus. Mittlerweile hat man aufgeholt. Die Serie der Skandale in den achtziger Jahren sorgte für Gewöhnung. Das Unvermeidliche wird weniger erschrocken hingenommen. Die moralischen Maßstäbe, Errungenschaften aus den Zeiten unsicherer Selbstvergewisserung, hängen sehr viel niedriger. Aber was ist die neue Abgeklärtheit mehr als Abgebrühtheit?

Der Wandel der Einstellungen läßt sich an der Theorie verfolgen, die den Skandalen über die Jahre abgewonnen wurde. Anfangs wurden sie zu den ausrottbaren Ausnahmen gezählt. Die Vorstellung paßte in die Welt der autoritären Pädagogik: Nie wieder darf es vorkommen! Die lässige Variante lautete: Der Mensch, das hat schon Kant gewußt, ist aus krummem Holz. In der kühlen Adenauerschen Denkungsart folgte daraus, daß man mit den Menschen arbeiten müsse, die zur Verfügung stehen, im Zweifelsfall unabhängig von ihrer Vergangenheit. Das brachte Hans Globke ins Kanzleramt.

Zum gesicherten Wissen gehört, daß sich die Öffentlichkeit in der Spiegel- Affäre als Gegenmacht konstituierte. Seither könnte der Klageton, der die Aufklärung von jeher begleitet, eigentlich selbstbewußter ausfallen. So richtig sicher kann sich niemand fühlen, der Dreck am Stecken hat. Zur ganzen Wahrheit gehört, daß seit 1962 eine Art lauernder Stellungskrieg zur Normalität gehört. Eindeutige Gewinner sind eine Seltenheit. Franz Josef Strauß wurde gestoppt, aber er blieb der, der er war. Otto Graf Lambsdorff kann vermutlich wirklich nicht mehr Minister werden. Aber sein Einfluß reicht unwidersprochen so weit, daß ein Bundestagsabgeordneter der SPD, der sich im Untersuchungsausschuß zur Parteispendenaffäre verdient gemacht hat, nun doch nicht Generalbundesanwalt werden kann, obwohl er schon dazu auserkoren war.

Die Aufklärung der Skandale ist meist nur die halbe Bewältigung. Die Politik hat an Resistenz gegen die Moral gewonnen. Daß sie sich einer Katharsis unterzieht oder sich wenigstens dazu zwingen lassen muß, gehört zu den schönen verlorenen Illusionen. Der Fall Jenninger ist eine interessante Ausnahme von der Regel. Der Bundestagspräsident wurde schnell geopfert, so schnell, daß sich das Publikum kaum Rechenschaft über das Vorgefallene verschaffen konnte. Ein Fall von präventiv abgewürgter Aufklärung.

Aus der schleichenden Immunität der Politik gegen die Moral entsteht notgedrungen der Generalverdacht, daß es nicht mit rechten Dingen zugeht. Er heftet sich an die Fersen, sorgt für Enthüllung, und dann kommt es vor, daß der große Knall dennoch ausbleibt. Dies ist die innere Logik der niedersächsischen Spielbankaffäre. Strukturelle Absonderlichkeiten: jede Menge. Persönliche Fehlleistungen: übergenug. Die politische Zuspitzung: dauerndes Bemühen. Der große, überzeugende Schurke: Fehlanzeige.

Zur Chronik der Skandale gehören auch jene Vertreter der Gattung, die nicht ins Fach Politik fallen. Über den Stand der Dinge geben sie auf ihre Weise beredte Auskunft. Der Tod der Rosemarie Nitribitt im Jahre 1957 ging ja keineswegs völlig in der Mordgeschichte auf. Der Fürsorgezögling aus dem Eifeldorf, der im schwarzen Mercedes flanierte und ein kompromittierendes Telephon- und Adreßbuch führte, wirbelte die auf ihre Moralität bedachte Adenauer-Gesellschaft kräftig auf.