Mit der neuen Kopfsteuer hat Margaret Thatcher die Geduld ihrer Landsleute überfordert

Von Wilfried Kratz

Im Rathaus zu Hackney, einem der ärmsten Bezirke im Londoner Osten, entledigten sich die Stadtverordneten einer höchst unpopulären Aufgabe. Sie berieten über die Höhe der neuen Gemeindesteuer, die jeder erwachsene Bürger vom nächsten Haushaltsjahr an zu entrichten hat. Während sich der Rat drinnen für eine Summe von knapp 1400 Mark – eine der höchsten im ganzen Land – entschied, versammelten sich draußen fast 5000 aufgebrachte Demonstranten.

Die Polizei konnte der Menge schließlich nicht mehr Herr werden. Es kam zu Ausschreitungen. Einige Demonstranten setzten ihren Protest in den umliegenden Straßen fort, zertrümmerten Schaufenster und griffen in die Auslagen der Geschäfte. Der Polizeibericht registrierte 57 Festnahmen und mehr als 30 Verletzte, darunter auch Polizisten. "Linke Agitatoren von außerhalb" hätten die Demonstranten angeheizt, behaupteten die zuständigen Ordnungshüter.

Vor dem "roten Rathaus" in Hackney brach der Protest besonders heftig aus. Aber auch in vielen anderen Gemeinden in England und Wales hat sich in den letzten Tagen der Ärger der Bürger gegen die verhaßte Steuer – abfällig als poll tax, Kopfsteuer, bezeichnet – Luft gemacht. Niemand bezweifelt, daß die Demonstrationen ganz überwiegend von den einfachen Bürgern getragen werden. Sie erhalten in den kommenden Wochen die Rechnung für die neue Steuer und richten nun ihren Zorn gegen die Urheberin dieser Erfindung, Margaret Thatcher.

Die Premierministerin hat in ihrer langen Amtszeit getreu ihrem Sendungsbewußtsein viele radikale Maßnahmen durchgeführt, die sich schließlich als politisch erfolgreich erwiesen. Aber mit der Reform der Gemeindesteuern ist sie einen, vielleicht den entscheidenden Schritt zu weit gegangen.

Stein des Anstoßes