Von Kurt Hoffman

Im Jahre 1981 veröffentlichte Rupert Sheldrake, damals noch keine vierzig Jahre alt, sein Buch „A New Science of Life“ („Das schöpferische Universum“), in dem er der Fachwelt die theoretischen Grundlagen einer revolutionär neuen Sicht der Morphogenese – also der Entstehung der Formen des Organischen wie des Anorganischen in der Natur – vorstellte. Das Buch löste sofort heftige Diskussionen in den Fachjournalen wie in den großen Tageszeitungen aus. Sheldrake fand sich auf einen Schlag im Zentrum einer Kontroverse, die sich weit über die Fachkreise hinaus ausbreitete und bald in den Medien ausgetragen wurde.

Während seine Antagonisten im wissenschaftlichen Establishment, da sie das Buch nicht totschweigen konnten, es am liebsten – zumindest symbolisch – verbrannt hätten, sahen andere in dem Autor einen ernst zu nehmenden Naturwissenschaftler, wenn nicht gar einen visionären Entdecker. Arthur Koestler fand Sheldrakes Theorie seinerzeit „unerhört anregend und herausfordernd“; der Herausgeber von Nature dagegen sprach von einem „ärgerlichen Traktat“, das einen Sonderplatz in jeder Sammlung kurioser intellektueller Verirrungen verdiene. Die Sunday Times lobte die klare, nüchterne Sprache des Autors und die Eleganz seiner Argumentation, aber tadelte ihn dafür, ein so verführerisch plausibles Buch zu veröffentlichen, ohne gleichzeitig die Beweise für die Richtigkeit seiner Thesen zu erbringen.

Der Streit hat heute, fast zehn Jahre später, nichts von seiner Aktualität verloren – im Gegenteil: Sheldrakes neues und umfassendes Werk „The Presence of the Past“, das auf deutsch unter dem Titel „Das Gedächtnis der Natur“ in diesen Tagen im Scherz Verlag, München, erschienen ist (448 S., 42 Mark), entfachte eine neue Runde der Kontroverse.

Ein Sturm im Wasserglas? Ein junger englischer Biologe hat also eine höchst fragwürdige Theorie über die Lernfähigkeit der Schöpfung und das Zusammenwirken von Geist und Materie aufgestellt. Eine These (er weiß selbst, wie schwer sie definitiv zu beweisen sein wird), ebenso erstaunlich wie einfach: Neben den Kraftfeldern, die der Wissenschaft bekannt sind – wie dem Gravitationsfeld oder dem elektromagnetischen Feld –, gebe es in der Natur „morphogenetische“ Felder, die Sheldrake definiert als „unsichtbare organisierende Strukturen, die Dinge wie Kristalle, Pflanzen und Tiere formen und gestalten und sich auch organisierend auf das Verhalten auswirken“. Diese morphogenetischen Felder enthalten die gesammelte Information aller vergangenen Geschichte und Evolution – etwa in der Art der Akasha-Chronik der alten Inder oder C.G. Jungs Kollektivem Unbewußten. Sheldrakes Konzept der „morphischen Resonanz“ besagt, daß einander ähnliche Strukturen mittels ihrer morphogenetischen Felder über Zeit und Raum hinweg in Kommunikation miteinander stehen können. Was in der Sheldrake-Furore auf dem Spiel steht, ist also nicht mehr und nicht weniger als eine wissenschaftliche Hypothese, die, wenn sie experimentell tatsächlich bestätigt werden sollte, der materialistischen Theorie des Universums den Boden unter den Füßen wegzöge.

Wer aber ist nun dieser Rupert Sheldrake? Jahrgang 1942, studierte der Sproß einer gutbürgerlichen englischen Familie in Cambridge und Harvard Pflanzenphysiologie und Philosophie. Als research fellow der hochangesehenen Royal Society führte er einen Forschungsauftrag über den Alterungsprozeß von Zellen durch und hatte Gastprofessuren in Deutschland, USA und Malaysia inne. In Indien, wo er mehrere Jahre lebte, leitete er ein Team, das die Entwicklung tropischer Nutzpflanzen erforschte. Asien wurde für ihn aber vor allem auch zu einem geistigen Erlebnis: Die Begegnung mit den dortigen Religionen (wie auch mit den Schriften Henri Bergsons) brachte seine lange schwelenden Zweifel an der Selbstgewißheit eines materialistischen Weltverständnisses zum offenen Ausbruch. Sein erstes Buch schrieb er während eines anderthalbjährigen Aufenthalts im Ashram Shantivanam, dem südindischen Meditationszentrum des Benediktiners Dom Bede Griffiths, dem er auch sein erstes Buch widmete und mit dem ihn die Vision eines neuen, Wissenschaft und Religion gleichermaßen umspannenden Weltbildes verbindet. Sheldrake bezeichnet sich selbst als Christen im eigentlich „katholischen“, das heißt alle echten religiösen Erfahrungen des Ostens wie des Westens umfassenden Sinn – „mit deutlich anglikanischer Prägung“.

Sheldrakes Hypothese bedeutet nun im weiteren Sinn, daß alles, was geschieht, Konsequenzen für ähnliche Vorgänge in der Zukunft hat. Im Lernprozeß etwa, daß, wenn etwas irgendwo erlernt wird, das gleiche von anderen der gleichen Art – wo auch immer – leichter erlernt wird. Für seine Theorie fand Sheldrake Bestätigung in einer Reihe von Versuchen, bei denen Ratten trainiert wurden, ihren Weg zum Futter durch ein Labyrinth von Gängen zu finden. War dieser Lernprozeß einmal in irgendeinem Labor geleistet, so zeigte sich, daß andere Ratten – an den entferntesten Orten des Globus! – die gleichen Aufgaben schneller meisterten.