Von Peter Christ

Pirna, im März

In der Bundesrepublik hätte er Mühe, einen mittelgroßen Saal zu füllen, im südlichen Sachsen können weder eisiger Wind noch Regenschauer zwei- bis dreitausend Menschen davon abhalten, auf dem Marktplatz auszuharren, um Klaus Töpfer, dem Bonner Umweltminister, zuzuhören.

Es ist Wahlkampf in Pirna, einer kleinen Kreisstadt, südöstlich von Dresden gelegen. Jubel brandet auf, wenn Töpfer ans nationale Gemüt rührt, wenn er von der nun greifbar nahen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten spricht, vom schönen Sachsen und von seiner Freude, jetzt in Pirna vor den Landsleuten in der DDR reden zu können. Heftiger Applaus belohnt einen Redner der DSU, dem Abziehbild der CSU in der DDR, als er ankündigt, die alte SED-Mannschaft aus dem Rathaus zu verjagen, wenn erst die Allianz für Deutschland, das Bündnis der konservativen Parteien CDU, DSU und Demokratischer Aufbruch, in der Stadt das Sagen habe.

Peter-Jürgen Schiekel ist einer von jenen, denen diese Drohung gilt. Er hat es zum stellvertretenden Bürgermeister gebracht; vorher hatte ihn 26 Jahre lang der Rat des Kreises beschäftigt, und über all die Jahre war er treuer Parteisoldat der SED. „Aber“, so sagt er mit verhaltenem Stolz, „ich war nie in der PDS, ich gehöre nicht zu denen, die sich wenden lassen.“ Das sehen allerdings einige Pirnaer anders. Wolfgang Bieberstein zum Beispiel, der in Pirna geboren wurde und dort aufgewachsen ist, der seine Stadt liebt und den lokalen Parteigrößen schon lange auf die Finger gesehen hat: „Der Schiekel hat doch eine Naht am Hals vom vielen Wenden.“

Schiekel kann die Wut der Leute auf das alte Regime und seine Repräsentanten verstehen, auch wenn er sich nicht zu den Privilegierten zählt. „Beim Rat des Kreises habe ich nie über tausend Mark verdient, jeder Fräser oder Dreher hat mehr bekommen, und vor die Fenster durften wir nicht mal Gardinen hängen.“ Doch die Masse der Pirnaer macht keinen Unterschied zwischen Bonzen und Mitläufern. Deshalb wollen sie die SED, die nun PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) heißt, ein für allemal loswerden.

Schwarzrotgoldene Fahnen (ohne DDR-Emblem) und Flaggen in den sächsischen Farben Weiß-Grün an beinahe jedem dritten Haus der Innenstadt spiegeln diese Stimmung, die keine politische Gruppe besser nutzt und kräftiger anheizt als das Bündnis von CDU, DSU und DA. In den Schaufenstern der Geschäfte und in Wohnungsfenstern kleben Plakate von CDU und DSU. Sie versprechen „Wohlstand statt Sozialismus“ (DSU) und natürlich „Freiheit statt Sozialismus“ (CDU), oder verkünden die Botschaft „Deutschland unser Vaterland – Sachsen unsere Heimat“ (CDU). Die DSU verteilt Handzettel mit der dritten Strophe der bundesdeutschen Nationalhymne, woraus sie das Fazit zieht: „Deshalb DSU“.