Memmingen

Dieser Tage war ich als Verteidiger vor Bayerns berühmtester Strafkammer geladen, der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Memmingen. Eine Raubsache sollte verhandelt werden mit allem Drum und Dran, wie aus dem Märchen.

Ein Jugoslawe war angeklagt; ein fahrender Zigeuner war der Geschädigte; zwei fahrende Zigeuner, darunter ein wirklicher gelernter Scherenschleifer, waren die Zeugen der Anklage; ein Italiener war der Zeuge des Angeklagten. Eine Pistole spielte eine Rolle und einige Kästen eines siebzigteiligen Bestecks, angeblich mit echtem Rheingold legiert. Alles spielte sich dort ab, wo ein Raub hingehört: in der Mitte des Waldes.

Die Sippe des Geschädigten lagerte vor dem Sitzungssaal um ihren Sippenältesten, als ich dort ankam. Der Staatsanwalt erschien und bemerkte en passant, die Leute würden auf ihn keinen vertrauenerweckenden Eindruck machen. Ich hatte für solch eine Feststellung keinerlei Anhaltspunkte. Mir gefiel der Schnurrbart des Sippenältesten ausnehmend, herrlich gezwirbelt und frisch gewichst.

Die Verhandlung nahm dann ihren Lauf, übrigens in einer angenehmen Atmosphäre. Natürlich gab der eine diese, der andere jene Sachverhaltsschilderung.

Plötzlich, mitten in der Vernehmung des letzten, des italienischen Zeugen, stand der Staatsanwalt auf und sagte, der Zeuge sei festgenommen, er dürfe den Saal nicht mehr verlassen, er käme in Haft. Das gab leichte Turbulenzen. Ich bat um Protokollierung dieser Erklärung, schlug eine Pause vor, damit der Zeuge wieder zu sich kommen könne, und regte an, ihm einen Beistand zu vermitteln. Das nahm der Vorsitzende nun zum Anlaß, weil ohnehin Mittag war, auch Mittag zu machen; bis vierzehn Uhr wurde unterbrochen.

Ich machte mich nun auf die Suche nach einem Kollegen als Beistand für den Zeugen, der inzwischen im Verlies des Landgerichts verschwunden war. Der erste Kollege hatte keine Lust, der zweite hatte keine Zeit, der dritte hatte einen Termin, der vierte war ausschließlich Zivilist, der fünfte sagte, das sei ein Problem. Der sechste meinte, hier sehe man wieder, der siebte sagte, so etwas komme vor, der achte sagte, das sei schlimm,, aber so sei es.