Soll ich einen Treueid auf die Königin schwören? Ich lebe seit zwölf Jahren in Großbritannien. Meine Frau ist britisch. Meine vier Kinder sind Schotten, kiltberockt und dudelsackpfeifend. Zu Hause wird nur Englisch gesprochen. Wir essen fish and chips und wundervoll kitschige puddings, wir kleiden uns nachlässig, stehen morgens nicht sehr früh auf und wetten jedes Jahr im Grand National um ziemlich hohe Einsätze. Ich fahre einen alten Landrover, und wenn meine Frau „Great Britain“ sagt, klingt das so, als wenn „Britain“ wirklich noch great sei. Sie lacht darüber.

Wenn ich mich dazu durchringe, einen Treueid auf die Königin zu schwören, habe ich alle Bedingungen erfüllt, um britischer Staatsbürger zu werden. Der Gedanke des Treueids erscheint mir so kurios frühfeudal, daß er eine eigene Anziehungskraft auf mich ausübt. Dennoch – ernsthaft habe ich ihn nie erwogen, trotz der damit verbundenen Vorteile. Ich habe jetzt zwar kein Wahlrecht. Und als Ausländer bleibt man immer auch ein Außenseiter. Die mangelnde Bereitschaft, Teil der Gemeinschaft zu werden, wird angerechnet: Viele Briten sehen sie als Manko.

Doch ich war bislang ganz zufrieden als Außenseiter. Als Deutscher. Weil ich mich eins mit mir und meiner Herkunft fühlte. Das Deutschtum war für mich kein Ballast – weil ich einem Deutschland zugehöre, das bereit war, seine Geschichte kollektiv als Erblast zu tragen. Deutschtum war ein Selbstbekenntnis: ein Bekenntnis zur eigenen Zwiespältigkeit.

Deutsch zu sein heißt für mich zweierlei. An eine bessere Welt zu glauben – und mit Hans Castorp, dem Helden in Thomas Manns „Zauberberg“, die Platte mit Schuberts „Lindenbaum“ aufzulegen und der anrührenden Grammophonstimme des Tenoristen in eine „Welt verbotener Liebe“ zu folgen.

Doch hinter jenem „holden Produkt“, schreibt Thomas Mann, stehe der Tod. Aber das ist ja erklärter Wahnsinn! „Ei ja, ja, ja, das war recht schön, so mußte jeder Redliche sprechen... Es mochte seinem eigenen, ursprünglichen Wesen nach nicht Sympathie mit dem Tode, sondern etwas sehr Volkstümlich-Lebensvolles sein, aber die geistige Sympathie damit war Sympathie mit dem Tode, – lautere Frömmigkeit, das Sinnige selbst an ihrem Anfang, das sollte auch nicht aufs leiseste bestritten werden; aber in ihrer Folge lagen Ergebnisse der Finsternis.“

Die Vermengung von naivem Idealismus mit romantischen Gedankenflügen – ist das nicht das deutsche Schicksal? Hans Castorp summte den „Lindenbaum“ noch mit abgerissenem Atem, als die „Produkte einer verwilderten Wissenschaft“ auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges „haushohe Springbrunnen von Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum“ um ihn in die Lüfte rissen. Das Liebäugeln mit dem Tod wurde bittere Wirklichkeit.

Doch das Liebäugeln mit dem Tod ist für mich das Herzstück deutscher Kultur. Gäbe es einen Johann Sebastian Bach ohne die Sehnsucht nach dem Jenseits? Gäbe es eine deutsche Romantik ohne diese heimlich-unheimliche Neigung? Thomas Mann schrieb die Zeilen über den „Lindenbaum“ zu Anfang der zwanziger Jahre. Sie rumoren mit einer für nichts gutstehenden Vorahnung. Sind die Perversionen der Nazizeit nicht die andere Seite derselben Medaille – des romantischen Deutschtums?