Ibrahim Böhme, Spitzenkandidat der SPD, steht vor seiner Bewährungsprobe

Von Matthias Naß

Berlin, im März

Wenn der Einigungsprozeß politisch schwierig wird, dann wird Gorbatschow von den Konservativen in seiner Partei ..." Mitten im Satz bricht Ibrahim Böhme ab. Einer seiner Begleiter hat zur Gaudi der Tischrunde die Kopie eines Illustriertenartikels über den Vorsitzenden der DDR-Sozialdemokraten hervorgezogen. "Zeig mal her, gib her", drängelt Böhme aufgekratzt. Er will wissen, was die West-Journaille über ihn schreibt. Ich schätze Modrow, liest er vor, ... Regierungschef von morgen ... Im schwarzen Anzug, bei dem die Hosen etwas zu kurz ausgefallen sind. "So eine Frechheit: zu kurz ausgefallene Hosen! Das bei meiner Eitelkeit!"

Ibrahim Böhme spielt den Entrüsteten. Dabei ist er wirklich eitel. Während des Gesprächs in einem Westberliner Restaurant hat er plötzlich den Kamm aus der Jackentasche gezogen. "Ich weiß, man macht das nicht, sich am Tisch kämmen", grinst er. "Aber ich habe gerade mit der Fensterscheibe kokettiert und gemerkt, daß ich völlig verwuselt aussehe." Er steckt den Kamm wieder ein. "Es gibt eigentlich nichts Objektives, was mich zögern läßt", nimmt er die Unterhaltung wieder auf, die sich gerade darum drehte, ob er sich das Amt des Ministerpräsidenten der DDR zutrauen würde, falls die SPD bei den Wahlen zur Volkskammer am kommenden Sonntag die Mehrheit bekommt. "Eigentlich gibt es gar nichts", fährt er fort, "nur darf ich vor dem 18. keine Aussage treffen."

Das also hat er schon gelernt: sich bloß nicht vorzeitig öffentlich festlegen. Seit die 43 Verschworenen der illegalen Gründungsversammlung ihn am 7. Oktober im Pfarrhaus des Dörfchens Schwante (Böhme: "wirklich ’ne ganz heiße Kiste") zum Geschäftsführer der neuen Sozialdemokratischen Partei beriefen, hat das Kommunikationsgenie Böhme einen Crash-Kurs in Realpolitik durchlaufen.

Innerhalb eines halben Jahres ist aus dem Vortragsreisenden im DDR-Untergrund ein selbstsicherer Akteur auf der Staatsbühne geworden, mit dem Eduard Schewardnadse in Moskau und Hans-Dietrich Genscher in Bonn den Gedankenaustausch suchen. Böhmes "erste große Begegnung" liegt gerade vier Monate zurück. Als er am 24. November auf Einladung der Sozialistischen Fraktion beim Europäischen Parlament war, wollte François Mitterrand, auch er zu Gast in Straßburg, ihn kennenlernen. Zur Vorbereitung auf das Gespräch mit dem französischen Staatspräsidenten blieb nur eine halbe Stunde. "Eigentlich wollte ich am liebsten weglaufen", erinnert sich Böhme. "Aber ich merkte dann, daß mit jedem Menschen zu sprechen ist, solange man einen Zugang zu ihm findet."