Von Peer Schmidt-Walther

Überspannt und unrealistisch waren meine Ansprüche: Eine Frachterreise sollte es sein, ohne Traumschiff-Schnickschnack – aber mit viel Seefahrtsatmosphäre; pünktliche Abfahrt, möglichst „vor der Haustür“; nicht gleich eine wochenlange Tour, sondern mehr etwas zum Testen, bevor man sich auf große Fahrt begibt. „Da hab’ ich was für Sie“, kommt gelassen die Antwort der Reederei-Agentur, „das finnische Motorschiff Camilla, das dampft zweimal die Woche von Kiel nach Hanko.“

Mit kleinem Gepäck und leichtem Herzklopfen stehe ich eines Tages im Hafen. Lastzüge und Trailer, die gewaltigen Auflieger der Sattelschlepper, bilden eine riesige Wagenburg. Über eine steile, autobahnbreite Rampe rangieren Traktoren die Trailer geschickt in das schneeweiße Schiff, an dem Camilla und als Heimathafen Mariehamn in blauen Lettern neben der geöffneten Heckklappe prangt.

Über steile Eisenleitern turne ich ein paar Decks hoher. Eine Gangway gibt es nicht. Landgang steht kaum auf dem Bordprogramm, sondern Arbeit und nochmals Arbeit. Ein gemütlich strahlender Mann um die vierzig in Jeans und Rollkragenpullover und mit gut zwei Metern Umfang entpuppt sich als der Kapitän. „Heiki Hekanaho“, stellt er sich vor, „wir sehen uns später.“ Steward Markku Wettö, gleichzeitig Koch und Zahlmeister, kommt aus der Kombüse, wischt seine Hände an der Schürze ab, zeigt mir meine Kammer, rasselt die Essenszeiten herunter und erklärt mir in Kurzform die Sauna-Gepflogenheiten an Bord – alles in fließendem Englisch. Wenn ich noch etwas essen wolle: In der Messe könne ich mich bedienen, der Kühlschrank sei gefüllt. Es herrscht Selbstbedienung. Das Essen holt man sich direkt beim Koch und räumt auch das Geschirr wieder ab.

Der Rundgang über den 133 Meter langen, 21 Meter breiten und 6,8 Meter tief gehenden Rollon-roll-off-Frachter hinterläßt Spuren: schwarze Hände. Der weiße 7600-Tonnen-„Dampfer“ ist eben kein Passagierliner. Allerdings hat die Camilla schon bessere Zeiten gesehen: 1982 gebaut und damals modernstes Schiff der Suomi-Handelsflotte, transportierte sie früher weit sauberere Fracht, nämlich Papier, zwischen Nordfinnland, England und Lübeck.

Im Bauch der Camilla, der einer Großgarage nicht unähnlich ist, rumort es: Motorenlärm dröhnt, Scheinwerfer tasten sich durch das Dunkel des Laderaums, in der Luft hängen Staub und Dieselabgase. Die erste Nacht an Bord fällt lautstark über mich her: Vor meinem Kammerfenster rangieren Traktoren mit 25-Tonnen-Lkw-Trailern. Frühmorgens gegen drei Uhr endet das Rangierkonzert, aber das Schiff rührt sich nicht. „Wir erwarten noch Ladung, aber um vierzehn Uhr wollen wir seeklar sein“, klärt Kapitän Hekanaho die Situation beim Frühstück zwischen Joghurt und Müsli.

An Bord der Camilla gibt es zwar zwölf Kabinen für Lkw-Fahrer, doch die werden nur noch für Passagiere genutzt. Die Sattelzugmaschinen für die Auflieger wurden nur unnötigen Platz wegnehmen. Ihnen bleiben lediglich die Zubringer- und Abholdienste. Für jeden der hundert Trailer an Bord werden 1000 bis 1500 Mark Gebühren für den Seeweg Kiel-Hanko berechnet.