Tierversuche wecken Emotionen, denn unweigerlich drängen sich Bilder hilfloser, schreiender Kreaturen auf, denen ein qualvolles Ende bevorsteht "Abschaffen", fordern Tierschützer "Weitermachen, aber im Spargang", sagen Wissenschaftler. So nimmt es nicht wunder, daß bereits vor etwa zehn Jahren eine emsige Suche nach Tierversuchsalternativen begann.

Der Tierversuchsgegner Dietrich Bäßler, Vorsitzender der Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche, vertrat bereits 1986 die Ansicht, daß "alternative Ersatzmethoden" Tierversuche vollständig ersetzen könnten "Es gibt intelligente, wissenschaftlich fundierte Methoden, die als gleichwertiger Ersatz schon jetzt an die Stelle von Versuchen mit leidensfähigen Tieren treten können Viele Wissenschaftler teilen diesen Optimismus jedoch nicht. Ist die Forschung tatsächlich so weit, daß Tierversuche nun überflüssig sind?

Immerhin werden in der Bundesrepublik jährlich etwa 2 4 bis 4 Millionen Tiere im Namen der Wissenschaft verbraucht. Diese außerordentlich große Zahl gilt bei vielen, die sich zu Anwälten der Versuchstiere machen, als Indiz dafür, daß in der Vergangenheit über Tierversuche viel zu wenig nachgedacht wurde. Das soll anders werden: Das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) unterstützt seit 1982 Forschungsvorhaben, die Alternativen zu Tierversuchen erproben. 1990 könnte zum Jahr der Wende werden, denn die Erprobung erster Alternativverfahren steht kurz vor dem Abschluß.

Viele Wege führen bekanntlich nach Rom. Die "drei großen R", Reduce, Replace, Refine (Reduzieren, Ersetzen, Verbessern), gelten gewissermaßen als Wegweiser für das Bemühen, weniger Tiere als bisher zu Forschungszwecken zu verwenden. Die einfachste Maßnahme in diesem Zusammenhang heißt Reduktion. In der kosmetischen Forschung ist dies bereits geschehen. Auch der Einsatz von Affen (Primaten) ist drastisch gesunken. Verschärfte Vorschriften, soziale Ächtung und hohe Kosten schrecken viele Wissenschaftler ab. Laut Science (Bd. 24790, S. 811) ist die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die auf Primaten Daten basieren, von 8496 im Jahre 1977 gesunken auf 3408 (1988). Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Reduzierung der Tierzahlen in Versuchsreihen, die zur Charakterisierung potentiell toxischer Substanzen zwar unerläßlich sind, bei denen die Tiere in der Vergangenheit jedoch regelrecht "verheizt" wurden.

Ein Fossil aus der Urzeit der toxikologischen Forschung ist dabei in den Mittelpunkt der Kritik gerückt: der LD 50 Wert. Er entspricht nach den gesetzlichen Bestimmungen jener Menge eines giftigen Stoffes, an der die Hälfte der Versuchstiere stirbt (LD 50 = lethale Dosis für fünfzig Prozent der Tiere). Die mit Hilfe von Tierversuchen ermittelten wissenschaftlichen Resultate werden offenbar zu teuer bezahlt. Nach Ansicht vieler Fachleute, zum Beispiel des Kieler Toxikologen Hasso Seibert, steht die Aussagekraft des LD 50 in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zum enormen Tierverschleiß, der zu seiner Erhebung notwendig ist.

Ermittelt wird die Dosis, indem jeweils zehn Tiere — fünf männliche und fünf weibliche — eine bestimmte Konzentration der Testsubstanz erhalten. Da die gesetzlichen Bestimmungen fordern, mindestens drei verschiedene Dosierungen zu prüfen, werden also mindestens dreißig Tiere für nur eine Versuchsreihe benötigt. Wenn Kontrollversuche und Wiederholungen notwendig sind, liegt die Zahl wesentlich höher.

Obwohl die Nachteile dieses Verfahrens hinlänglich bekannt sind, wird bislang der LD 50 dennoch vom Gesetzgeber für viele Prüfungen verlangt, denn er ermöglicht eine recht sichere Klassifikation der Giftigkeit einer Substanz. Ob dieser Tierverschwendung platzt jedoch so manchem Tierschützer der Kragen, und er fragt zu Recht, warum es denn notwendig sei, hochgiftige Substanzen, die bei einer Konzentration von 25 Milligramm bereits tödlich sind, auch noch mit höheren Dosierungen zu testen. Ein solch überflüssiger Test bringt nur Tiere um, führt aber nicht zu neuen Erkenntnissen. Der Frankfurter klinische Pharmakologe Norbert Rietbrock hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, daß Untersuchungen über die Verteilung einer Testsubstanz im Tierkörper, zum Beispiel in der Leber, mit weniger Tierverlusten verbunden seien und zuverlässigere Ergebnisse lieferten.