Die Bundesrepublik, ihre Kritiker und die Einheit: Wie sich die Fronten immer neu verwischen

Von Gunter Hofmann

Bonn, im März

Gerade fünf Monate ist es her, daß Michail Gorbatschow Willy Brandt danach fragte, was er denn von der Wiedervereinigung halte. Eine solche Frage im Moskauer Zentralkomitee gestellt und mit der Bemerkung verknüpft, darüber werde letztlich in Ost-Berlin und nicht in Moskau entschieden – das empfand Brandt, wie er beim Rückflug nach Frankfurt sinnierte, zwar nicht mehr als wirkliche Überraschung. Aber sicher war er sich schon, daß die deutsche Frage von nun an auf der Tagesordnung stehen würde.

Am Tag darauf, dem 18. Oktober, wurde Erich Honecker gestürzt. Am Sonntag, dem 18. März, fünf Monate später, finden die ersten freien Wahlen statt, die vermutlich zugleich das Ende der DDR einläuten.

Läßt man den Film der fünf Monate noch einmal ablaufen, zeigt sich: Von ihrer Überraschung, ja ihrem Schock, hat die Politik sich nicht richtig erholt. Immer noch hinkt sie den Ereignissen hinterher. Und das gilt nicht nur für die DDR. Es ist nicht übertrieben, von einer Abdankung der Politik zu sprechen.

Dunkel erinnert man sich an den Versuch Helmut Kohls, daran etwas zu ändern. Diesem Zweck diente der Zehn-Punkte-Plan, den er in seinem Küchenkabinett entwarf. Die Forderung nach freien Wahlen, nach einem Runden Tisch, die Skizzen von einem neuen Deutschen Bund oder einer Konföderation, das Reden über eine deutsche Einheit nach der europäischen Vereinigung – alles gerade geschehen, alles längst vergangen.