Der Doktor Williams war ein vielbeschäftigter Arzt alter Schule, ein Praktiker von Format, spezialisiert in Kindermedizin und Gynäkologie, er wurde immerzu an allen Ecken gebraucht. Er war viel in seinem Ford unterwegs, unterhielt zeitweise zwei Praxen, arbeitete obendrein als Kinderarzt im Hospital. Er war ein Arbeitstier, ein medizinischer Haudegen, der seinen Patienten keineswegs nur mit milder Freundlichkeit begegnete. Oft gingen sie ihm auf die Nerven, etwa wenn sie gerade mal wieder sein Mittagessen torpedierten.

In seinem Ordinationszimmer in Rutherford hatte er eine Schreibmaschine stehen, auf der tippte er zwischen Patientenbesuchen Skizzen, Entwürfe, Szenen, bannte die ihn seelisch bedrängende Masse von Leid aufs Papier. Und an Feiertagen nahm er sich auch mal Zeit, um eine alte Säuferin zu besuchen: Stundenlang hörte er als Freund ihrem Gestammel zu. Nachts brach er manchmal aus, verließ Heim und Ehefrau („Flossie“), um bei einer schönen Fremden Trost und flüchtiges Vergessen zu finden. Durch den Scherbenhaufen individuellen Unglücks, wie seine Zeit und seine Gegend es um ihn her häuften, schritt Doktor Williams erhobenen Hauptes, half hier und dort, heilte nach besten Kräften.

Einen kleinen Einblick in dieses Leben gibt der dritte Band der im Hanser-Verlag erscheinenden Werkausgabe von William Carlos Williams, der uns den Arzt und Dichter als Erzähler von Short stories vorstellt: „Die Messer der Zeit“, eine Auswahl von siebzehn Geschichten aus dem Zeitraum von 1932 bis 1956. Der überwiegende Teil der Texte stammt aus den dreißiger Jahren, jenem auch in den USA wirtschaftlich und politisch verzweifelten Jahrzehnt, als Hunderttausende in Hungermärschen auf die Straße gingen, faschistische und antisemitische Strömungen sich breitmachten.

Da springt es merkwürdig ins Auge, eine Geschichte mit den Worten anheben zu sehen: „Er war einer dieser frechen jüdischen Typen, die du, wenn du sie bloß siehst, umbringen willst, die vorgeblichen Armen, deren Blick sich in dem Moment ändert, wo Geld erwähnt wird.“ Zwar findet in dieser Geschichte „Das steinerne Gesicht“ dann eine Wandlung statt – der Arzt, der voller Ablehnung seinen Patienten gegenübersteht, lernt sie schließlich achten und verstehen –, doch widerlegt diese Wandlung keineswegs die statuierte Selbstverständlichkeit des ersten Satzes: Das erzählerische Bewußtsein bleibt im Raum von Vorurteilen und zufälligen Erfahrungen befangen.

Es ließen sich mehrere Beispiele anführen, in denen W.C. Williams peinlich konventionelle Schlüsse aus dem Fundus seiner Beobachtungen zieht: etwa wenn er über einen neuen Typ farbiger Frauen schwadroniert, vor deren „muskulösen Formen“ und „festen Körpern“ die weißen Mädchen „billig“ wirkten. Es ist ein geschmäcklerisches Männergeschwätz, wie man es an amerikanischen Bartheken vernehmen kann.

Nun soll hier nicht etwa der Tugendhaftigkeit des Schriftstellers das Wort geredet werden, und gewiß täte man W.C. Williams Unrecht, wollte man ihn auf diese Entgleisungen festlegen oder gar reduzieren. Aber die uns hier vorgelegte Auswahl zeigt auch darüber hinaus den Autor in keinem guten Licht: Die wenigen bemerkenswerten Short stories, die es neben autobiographischen Erlebnismontagen und Redeprotokollen in diesem Band gibt, halten einem Vergleich mit den zahlreichen gelungenen Beispielen des Genres – von Sherwood Anderson bis Hemingway – nicht stand.

Was als Rohstoff und Keimzelle zu Williams’ Gedichten taugte, in denen ein Blick, ein Detail, eine Geste hinreichen, um die ganze Welt wie im Stillstand in sich zu versammeln, leistet offenbar den Prosatexten nicht die gleichen Dienste. Der faszinierend immer neue Blick auf die Dinge, der seine Gedichte so hinreißend und auch in der Melancholie noch lebensverliebt macht, wird auf der Strecke des Erzählens zum routinierten Blick des Arztes, das Detail lebt nicht mehr aus sich selbst, die Geste bleibt im Stofflichen stecken.