Es war eigentlich vorauszusehen: In der Presse des nächsten Tages kein einziges Wort, keine Namen, keine Bilder. Dabei war die ganze Sache auf Öffentlichkeit und Signalwirkung angelegt. Die Alliance des Femmes pour la Democratisation hatte zum Internationalen Frauentag ins große Amphitheater der Sorbonne eingeladen, um vierzehn „exzeptionelle Frauen“ aus vier Kontinenten für ihre Arbeit auszuzeichnen.

Das Aufgebot an politischer Prominenz schien dem Ereignis angemessen: Die Ex-Präsidentin des Europaparlaments, Simone Veil, führte den Vorsitz, Premierminister Michel Rocard und der Präsident der Nationalversammlung, Laurent Fabius, hielten Ansprachen, die Frau des Präsidenten der Republik, Danielle Mitterrand, und die Gaullistin Michele Barzach überreichten zwei der Preise.

Doch kurze Erwähnung fand anderntags höchstens das Kolloquium über „Frauen und Kreativität“, das am Vormittag über die Bühne des vollbesetzten Saales gegangen war. Auf die Preisverteilung, bei der immerhin auch Jelena Bronner ausgezeichnet wurde, war das Medien-Echo gleich Null. Zwar fand der traditionsreiche 8. März – vor achtzig Jahren von Clara Zetkin ausgerufen, um den Kampf der New Yorker Textilarbeiterinnen um den Zehnstundentag zu unterstützen – in den Nachrichtensendungen des Fernsehens seinen Niederschlag, doch die moderierenden Männer entledigten sich der Aufgabe wie einer lästigen Pflicht, entweder neckisch (eine Schauspielerin wurde gefragt, was sich in der Liebe verändert habe) oder mit vielen bewegten Bildern: schöne Italienerinnen mit dem traditionellen Mimosensträußchen beim Umzug in Rom; wütende Algerierinnen bei ihrem turbulenten Protestmarsch gegen das repressive Familiengesetz, in dem sie als „Minderjährige“ geführt werden.

Wohl im Vergleich mit diesen Bildern bemerkte die sonst liberale Libération spitz, in Paris habe man sich am Frauentag mit dem Repräsentieren zufriedengegeben: Frühstück bei Rocard, Mittagessen bei Fabius, Cocktail bei Mitterrand.

Immerhin waren auf diese Weise die von der Alliance eingeladenen Frauen wenigstens für Bruchteile von Sekunden auf dem Bildschirm zu sehen. Über den Zweck ihrer Parisreise aber, geschweige denn über ihre Arbeit und ihre Leistungen erfuhr nichts, wer nicht dabei war. Nichts über die rumänische Dissidentin Doïna Cornea zum Beispiel oder die kolumbianische Journalistin Maria Jimena Duzän, die so furchtlos gegen die Drogenmafia anschreibt; oder Ela Bhatt, die Indiens ärmste Frauen in Kooperativen organisierte; über die Anti-Apartheids-Kämpferin Albertina Sisulu; die Mathematikerin, Einstein-Mitarbeiterin und erste Frau in der Französischen Akademie der Wissenschaften, Yvonne Choquet-Bruhat. Einzig Jelena Bronner verfügte über genügend Star-Status, um in einer Vorab-Zeitungsnotiz erwähnt zu werden.

Eine lange Liste schöner Namen, die meisten ohne politisches Gewicht, und die Anerkennung durch eine französische Frauenorganisation wird daran nichts ändern. Denn Preisverleihungen sind ein männliches Ritual, nur wahrgenommen, wenn von diesen und für diese organisiert, mit auszuzeichnenden „Persönlichkeiten“ und nicht (nur) Frauen. Aber jene, müde, darauf zu warten, daß ihnen irgend jemand den Lorbeerkranz aufs Lockenhaupt drückt, zimmern sich ihre Zeremonien selbst. Sie überreichen keine Medaillen, sie nesteln nicht endlos am Knopfloch; sie schenken Blumen und eine Brosche von Sonja Delaunay.

Für einen Geldpreis hat es nicht gereicht, wie die Alliance-Gründerin Antoinette Fouqué bedauernd bestätigt. Dafür wären Regierungs-Francs nötig gewesen, aber man hatte nur private Sponsoren gefunden. Und hofft dennoch, die Preisaktion im nächsten Jahr zu wiederholen. Sozusagen als Ermutigungspille zum Auftakt der letzten Dekade dieses Jahrhunderts, für die sich die Frauen so viel vorgenommen haben – die ökonomischen und, zumal in Frankreich, die juristischen Benachteiligungen zu beseitigen und die Frauen der Dritten Welt vor Diskriminierung und Rassismus zu schützen, auch und gerade wenn sie in europäischen Ländern leben. Barbara v. Jhering