Die Kollegen schreiben darüber ja schon seit langem. Dennoch, wer nach einigen Wochen nach Bonn zurückkehrt, kennt sich nicht mehr aus. Die politische Capitale muß auf einen anderen Stern verlegt worden sein. Auf den Schwarzen Brettern mit den Terminen der Politiker zum Beispiel nur noch Städtenamen aus der DDR, samt bisher ganz versunkenen Orten, von Parchim bis Linthe. Oder der Bundestag: Er hat, für die zwei letzten Wochen vor der Wahl im anderen deutschen Staat, seine Agenda stillschweigend ausgedünnt, kaum noch Beratungen am Montag, Plenum schon am Mittwoch und noch am Donnerstag, Freitag dafür sitzungsfrei und ab in den Wahlkampf. Nicht in der DDR zu sein wird zum wahren Makel.

Selbst dann, wenn Bonn ortsfest bleibt, wirkt es bloß wie ein Reflex. Versammelt der Kanzler Journalisten zum Tee, geht es nur noch um Deutsch-Deutsches. Oder die beliebten abendlichen Buchvorstellungen: Auch sie haben kein anderes Thema. Und in der DDR gibt es noch Leser. Klaus von Dohnanyis „Brief an die Deutschen Demokratischen Revolutionäre“ etwa ist dort binnen kürzester Zeit mit 120 000 Exemplaren verkauft worden, zum Preis von sieben DDR-Mark.

Der ehemalige Hamburger Bürgermeister kann sich auch über das Leser-Echo nicht beklagen. Die Briefflut zeigt an, was die Landsleute an Bonner Auskünften vermissen: Wie wird das mit der EG, mit der DM und den Sparkonten, was wird gegen das Ausbluten geschehen und gegen die Gefährdung von Arbeitsplätzen, bleibt es beim sozialen Schutz und anderen Errungenschaften oder was passiert, wenn frühere Eigentümer zurückkommen?

Da spitzt Bonn allenfalls erst die Lippen. Wohl schwitzen Fachleute, in den Arbeitsgruppen des Kabinettsausschusses für die deutsche Einheit oder in dem deutsch-deutschen Gremium für die Wirtschafts- und Währungsunion, über Details, doch die Auskünfte aus Amtsstuben und der Wahlredner halten sich im Allgemeinen. Die Reaktion bleibt nicht aus. Einheit ja, aber doch nicht um jeden Preis: Das, so berichten die Wahlkämpfer beim Hemdenwechsel, werde drüben zur vorherrschenden Stimmung.

Ganz bei sich selber ist Bonn nur noch, wenn es sich seine hausgemachten Krisen fabriziert: Unvorstellbar zwar, daß die Regierungskoalition, gerade jetzt, auseinandergebrochen wäre, nach Helmut Kohls plumpem Versuch, Brief und Siegel unter die Oder-Neiße-Grenze mit Bedingungen zu verknüpfen. Aber wieder Gerenne und Geraune in der vergangenen Woche, hastige Beratungen Tag und Nacht, Belagerung der Sitzungssäle durch die Medien. Prügelei der Photographen um vermeintliche Krisenbilder, dann eine nervöse und gereizte Parlamentsdebatte. Hatte das in seinen Motiven bis heute unklare Kanzlermanöver am Ende nur mit der Rücksicht auf den berühmten rechten Rand bei der eigenen Wahl im Dezember zu tun? Die nachgerade peinliche Ehrenerklärung für Herbert Czaja gleich zu Beginn von Kohls Rede läßt es beinahe vermuten. Auch wenn die Oder-Neiße-Anerkennungsprozedur nun festgeklopft erscheint, es bleibt ein schaler Rest.

Am Sonntag abend wird womöglich halb Bonn in Berlin (Ost) sein, als handle es sich um einen Stimmgang im eigenen Bereich. Aber Wahlparties gibt es auch am Rhein, bei der CDU und SPD, ein bißchen auch bei der FDP, und die Grünen halten sich jedenfalls bereit. Bonn zweigeteilt, hier und dort, das ist die Lage, und so wird sie wohl auf lange Zeit bleiben – die Bonner noch im eigenen Staat und zugleich im anderen, der schon kein anderer mehr ist. Carl-Christian Kaiser