Eine Studie schätzt, daß weit mehr als 500 österreichische Hotels in alpinen Gefahrenzonen stehen. Demnach bedrohen Lawinen und Erdrutsche die Urlaubsgäste.

Jeden Tag, jede Woche, den ganzen Winter hindurch, ist in Saalbach-Hinterglemm die Hölle los“, verspricht der Werbeprospekt. Was nicht darin steht: Im Frühjahr und im Sommer, während sich die Natur beim Après-Ski vom Winterrummel erholt, kann eine Reise ins ehemals idyllische Glemmtal vollends zum Abenteuerurlaub werden. Denn wenn die Wildbäche anschwellen, sind die Gäste in Gefahr: 81 Hotels stehen auf extrem gefährdetem Boden – in der „Roten Zone“, wo Lawinen oder, wie im Falle von Saalbach-Hinterglemm, vor allem Muren drohen.

Allein im Zentrum von Hinterglemm, im Schwarzacher Graben, sind vierzehn große Hotels und Appartementhäuser, ein Umspannwerk sowie die Talstation einer Seilbahn in die absolute Gefahrenzone gepflanzt worden. 165 Häuser, fünfzehn Prozent aller Gebäude, müßten eigentlich aus Sicherheitsgründen abgerissen oder durch unbezahlbar teure Schutzbauten gesichert werden.

Das legt jedenfalls eine Studie des Kuratoriums „Rettet den Wald“ nahe, die dessen Sprecher Gerhard Heilingbrunner jetzt in Wien vorstellte. Heilingbrunner, Staatssekretär im Wiener Umweltministerium, wirft den Politikern und Tourismusmanagern in Saalbach-Hinterglemm „grobe Fahrlässigkeit“ vor. Der Wintersportort, der gegenwärtig für die alpine Skiweltmeisterschaft 1991 aufrüstet, stehe allerdings nur „stellvertretend für viele alpine Touristikzentren“.

Das Kuratorium will nun in verschiedenen österreichischen Bundesländern die gefährlichen Bausünden fremdenverkehrsgieriger Gemeinden offenlegen. Als nächstes ist das moderne Skidorf Naßfeld in Kärnten an der Reihe. Schon jetzt steht fest, daß die Schätzung, nach der rund 500 österreichische Hotels in Gefahrenzonen stehen, weit nach oben korrigiert werden muß.

Der Tourismusboom hat Saalbach-Hinterglemm in den vergangenen fünfzehn Jahren in eine alpine Iidustriezone verwandelt: 54 Lifte, Seilbahnen, 1150 Hektar Skipisten, 18 300 Fremdenbetten. Mit seinen 1,9 Millionen Übernachtungen jährlich wird die 2680-Einwohner-Gemeinde nur noch von der Milliorenmetropole Wien übertroffen. Auch die Total-Verkabelung der Bergwelt schreitet mit beeindruckender Geschwindigkeit voran: innerhalb von nur acht Jahren steigerten die Ski-Unternehmer die sogenannte Beförderungskapazität um 130 Prozent: nirgends in Österreich können, bezogen auf die Fläche, mehr Skikonsumenten auf die Gipfel gebracht werden.

Damit die Kunden der Hoteliers im engen Tal auch untergebracht werden können, muß schon mal auf Flächen gebaut werden, die auf den Gefahrenzonenplänen rot markiert sind, weil „ihre ständige Benützung für Siedlungs- und Verkehrszwecke nicht oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand möglich ist“. Im Sommer 1987 präsentierte die Natur den Tourismusmanagern erstmals die Rechnung für die unverantwortliche Baupolitik: Ein Hochwasser tötete einen Urlauber und beschädigte 112 Gebäude, darunter 59 sogenannte „Fremdenverkehrsbetriebe“. Eine Wende in der Baupolitik hat die Katastrophe offenbar nicht bewirken können. Denn fünfzehn Prozent des im vergangenen Jahr neu ausgewiesenen Baulandes liegen in der Roten Zone.