Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im März

Auf Pressekonferenzen wirkt sie eher still: Petra Bläss, Vorsitzende der DDR-Wahlkommission. Sie läßt anderen gern den Vortritt. Dann allerdings zeigt sie sich selbstbewußt. Was sie sagt, hat Hand und Fuß. Die 25jährige Germanistikstudentin hat ihre Schularbeiten in Sachen Wahlgesetz gemacht. In schwarzer Lederhose und lilafarbenem Pullover, die blonden Haare zum Knoten oder Pferdeschwanz nach hinten genommen, regte sie einen westlichen Journalisten zu der Frage an: Ob sie auch Briefe zur Person bekomme, ob man ihr Angebote mache? Petra Bläss mißverstand mit Absicht: Ja, sie habe von zehn Bürgern aus der Bundesrepublik Angebote bekommen – sie als Wahlhelfer einzusetzen.

Petra Bläss zählt zu den Frauen, die in den vergangenen Wochen in der DDR-Politik kräftig mitgemischt haben. Als Mitglied der Sozialistischen Fraueninitiative gehört sie zum Dachverband Unabhängiger Frauenverbände, war vorher bei den Humboldt-Frauen (der Humboldt-Universität), versteht sich aber nicht als Feministin. Ihr Dissertationsthema lautet: „Kriegsdarstellung und Friedensbilder in der Dramatik Alfred Matusches“. Sie verdreht gequält die Augen, wenn sie an ihre Doktorarbeit denkt, die jetzt warten muß.

Warum man gerade sie zur Vorsitzenden der Wahlkommission gewählt habe, kann Petra Bläss sich bis heute nicht erklären. Als einzigen Vorteil, den sie für das Amt mitbringt, fällt ihr ein: Sie ist nie aufgeregt, hat nie Angst, auch vor Prüfungen nicht. Daß sie die Wahl angenommen hat, obwohl in der Wahlkommission Leute sitzen, die für den Vorsitz juristisch viel besser gerüstet sind als sie, hat auch mit ihrem Zugehörigkeitsgefühl zur Frauenbewegung zu tun: „Wir können nicht dauernd Quotierung in allen Bereichen fordern, und kaum gibt man uns eine Chance, dann kneifen wir.“ Außerdem hatte sie gerade ein Jahr hinter sich mit der Erfahrung, nicht gebraucht zu werden; sie hatte vergeblich nach einem zukunftigen Arbeitsplatz gesucht. Die Uni sah keine Möglichkeit, sie nach dem Studium einzustellen. So bewarb sie sich beim Theater, bei Rundfunk und Fernsehen, bei der Akademie der Künste. Überall bekam sie Absagen. Inzwischen rennt ihr das Fernsehen die Bude ein, um Interviews mit ihr zu machen.

Seit dem 22. Februar sitzt sie in einem Büro im Haus der Ministerien, ackert mit ihren Kollegen van der Wahlkommission von morgens bis in die Nacht, nimmt es mit der Arbeit sehr genau, liest jedes Papier gründlich durch, bevor sie es unterschreibt. Der Raum mit Schreib- und Konferenztisch, mit Sitzecke, Fernseher und Schalttelephon ist hergerichtet, wie es jahrelang in der DDR für Chefs üblich war. Petra Bläss wirkt darin wie ein Fremdkörper.

Eine junge Frau kommt ins Zimmer und sagt, der Mann von der Statistik sei da. Ob ich ein paar Minuten Zeit hätte, fragt sie, sie könne ihn schlecht warten lassen. Es sei so furchtbar schwer, die Zeit richtig einzuteilen, stöhnt sie, als sie zurückkommt. Sie sei auch nicht an den förmlichen Lmgang gewöhnt, wie er bei manchen in der Politik üblich sei. Sie war schließlich bisher nur mit Freunden zusammen. Sie empfand es deshalb als besonders angenehm, daß Ministerpräsident Modrow sie gleich bei der ersten Begegnung gefragt habe, ob er Petra zu ihr sagen könne. An ihn habe sie auch gedacht, als sie den Job übernommen habe: Modrow habe immer gesagt, man müsse etwas für die Stabilität der DDR tun, und sie hatte so sehr den Wunsch gehabt, mehr zu tun als bisher, um sich später nicht von den Kindern Vorwürfe machen zu lassen: „Warum hast du nichts getan?“