Abertausende von Büchern aus der Feder marxistischer Autoren befassen sich mit dem Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus. Die Fachliteratur über den Systemwechsel vom Sozialismus zum Kapitalismus nimmt sich dagegen recht dürftig aus. Was sich in der DDR wie in ganz Osteuropa vollzieht, ist wissenschaftlich kaum aufbereitet worden. So schnell verläuft die Entwicklung, daß die Verfechter der Marktwirtschaft ziemlich ungewappnet das Heft ergreifen.

Auch in Deutschland führen nun die Pragmatiker das Wort, gilt es doch, binnen kürzester Frist zahllose konkrete Probleme zu lösen. Verständlicherweise steht niemandem der Sinn nach gründlichen ordnungspolitischen Erwägungen. „Die DDR muß so rasch wie möglich in eine Marktwirtschaft übergeführt werden“, so lautet die Losung, und damit hat es sein Bewenden.

Die unverzügliche Umstellung der DDR auf Marktwirtschaft ist bitter nötig, das ist mittlerweile eine Binsenwahrheit. Allerdings ist der Markt kein Ziel an sich, sondern ein (unverzichtbares) ökonomisches Instrument. Zudem kann der Markt nur dann seine Aufgabe erfüllen, wenn – erstens – die Rahmenbedingungen stimmen und – zweitens – ein Mindestmaß an Ordnung und Struktur der Marktteilnehmer vorhanden ist.

In der Bundesrepublik sind über die Jahre und Jahrzehnte Strukturen gewachsen, die vom freiberuflichen Einzelkämpfer bis zum weltweiten Konzern reichen und sich dank Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft voll entfalten konnten. In der DDR ist alles Gewachsene arg geschwächt oder gar zerschlagen und durch Kunstgebilde wie die Kombinate ersetzt worden. Also gilt es, die Strukturen zu erneuern, und dafür wird in erster Linie der Markt sorgen.

Freilich kann man nicht schlichtweg alles dem Markt überlassen. Die künftige gesamtdeutsche Regierung wird weit stärker als bisher die Bonner Regierung gefordert sein, Strukturpolitik zu betreiben. Ein aktuelles Beispiel unter vielen anderen: Derzeit findet die Leipziger Messe statt, die so rege besucht wird wie noch nie (siehe Seite 27). Doch wenn es nach rein marktwirtschaftlichen Gesetzen geht, ist es vielleicht die letzte große Frühjahrsmesse, die Leipzig erlebt. Kann sich die Stadt gegen Hannover, Frankfurt am Main und die anderen Wettbewerber in der Bundesrepublik behaupten? Die Träger der Leipziger Messe müssen sich eine neue Marktlücke ausdenken, aber damit ist es nicht getan. Ohne massive staatliche Investitionen in die Infrastruktur der Stadt und des Messegeländes ist jeglicher Neuanfang zum Scheitern verurteilt. Schon bald wird sich die Frage stellen, ob der Staat investieren soll oder nicht.

Selbst wenn sie sich uneingeschränkt zur Marktwirtschaft bekennt, wird keine gesamtdeutsche Regierung umhinkönnen, strukturpolitische Maßnahmen und ein Stück weit auch industriepolitische Vorkehrungen zu treffen. Soll man etwa, da in Ostdeutschland auf absehbare Zeit keine Mammutkonzerne sprießen können, gezielt die mittelständischen Unternehmen fördern? Was ist im Verkehrswesen vorrangig? Wo soll bei der ökologischen Sanierung der DDR angesetzt werden? Auch im Wohnungswesen, in der Energieversorgung oder in der Landwirtschaft wird es ohne ein gewisses Maß an Dirigismus nicht gehen. Wiewohl dies nicht ins marktwirtschaftliche Ideal paßt, sollten sich Politiker und Wirtschaftsführer nicht nur rechtzeitig darauf einstellen, sondern auch offen und ehrlich dazu stehen.

Strukturpolitik ist schon immer ein teures und problematisches Unterfangen gewesen. Wenn schon Förderprogramme für einzelne Branchen, Regionen und vor allem für die Ausbildung der Menschen in der DDR unumgänglich sind, so müssen diese genau durchdacht und Prioritäten gesetzt werden. Eine konzeptionslose Strukturpolitik, die sich dem Druck partikularer Interessen ausliefert, würde die ohnehin beträchtliche Gefahr von Fehlentscheidungen erhöhen. Indes würde strukturpolitische Abstinenz das Unheil nachträglicher, autoritärer Eingriffe heraufbeschwören.