Von Gottfried Sello

Dresden, jedenfalls die barocke Stadtsilhouette der Brühischen Terrasse, sieht heute wieder fast so aus wie auf den Bildern Beiottos, die dieser Weltmeister der Topographie Mitte des 18. Jahrhunderts für August III. gemalt hat. Wie sein Vater, August der Starke, hat er vorwiegend Alte Meister gesammelt, aber er hat sich auch für die zeitgenössische Kunst interessiert und sogar Bilder in Auftrag gegeben. Bernardo Beiotto mußte über ein Dutzend riesenhafte Ansichten von Dresden und Warschau, der anderen Residenzstadt, malen. Dabei bediente er sich der Camera obscura, anders hätte er eine derartige Präzision nicht erreichen können (Warschaus im Krieg zerstörte Alststadt ist mithilfe von Beiottos Veduten wiederaufgebaut worden).

Beiottos Dresden, in der Gemäldegalerie zu bewundern, der Blick vom rechten Elbufer: die von Pöppelmann erbaute Augustusbrücke (heute noch, aber wohl nicht mehr lange „Dimitrowbrücke“), die mächtige Kuppel der Frauenkirche, der schlanke Turm der Kreuzkirche, der Turm der Hofkirche noch eingerüstet. Wie genau darf der Maler arbeiten, und wo beginnt die Pedanterie? Aber das Bild hat Atmosphäre, und nicht nur wegen der Leute, die am Ufer flanieren, die auf der Elbe rudern. Wie Himmel und Architektur im Wasser sich spiegeln und zusammenfließen, beweist eine malerische Qualität, die durch Prägnanz und Topographie nicht beeinträchtigt wird.

Unter August dem Starken war die Bildersammlung der sächsischen Könige so angewachsen, daß sie aus der alten kurfürstlichen Kunstkammer herausgenommen und 1722 in einem eigenen Haus, dem sogenannten Stallgebäude, untergebracht wurde. Hier ist sie über ein Jahrhundert geblieben, eine königliche Privatgalerie, berühmt in ganz Europa, aber nur wenigen auserlesenen Besuchern zugänglich. Das änderte sich erst 1831, als die Gemäldegalerie durch Verfassungsurkunde in Staatsbesitz überging. Seitdem war sie, „mit Ausschluß der Sonn- und Festtage, täglich von 9 bis 1 Uhr zum freien Eintritt für anständig Gekleidete geöffnet“. Aber schon bald erwies sich das Stallgebäude als zu klein, außerdem gab es keine Heizung, und so wurde, vor allem aus konservatorischen Gründen, wegen der Temperaturschwankungen und eines gefährlichen Niederschlags von „Steinkohlendampf“, ein Neubau erforderlich. Zunächst war geplant, den Zwinger, dies Kleinod barocker Architektur, die im 19. Jahrhundert nicht sonderlich geschätzt wurde, in ein Museum umzubauen. Aber es blieb bei dem Plan. Statt dessen hat Gottfried Semper, ein Protege Schinkels und Leiter der Dresdner Bauschule, die Galerie als Verbindungsbau in den Zwinger eingefügt, zwischen dem Deutschen und dem Französischen Pavillon. 1855 wurde die Semper-Galerie eröffnet, in der nicht weniger als 2200 Gemälde in drangvoller Enge, in drei und vier Reihen übereinander untergebracht waren, nur die „Sixtinische Madonna“, Glanzstück der Sammlung, hatte einen (einer Kapelle nachempfundenen) Raum für sich.

Im Zweiten Weltkrieg wurden der Zwinger und die Semper-Galerie bis auf die Grundmauern zerstört. Die Bilder waren, wenigstens zum größten Teil, ausgelagert worden und haben den Krieg überstanden. Nach der Kapitulation wurden sie von sowjetischen Spezialkommandos nach Moskau und Kiew transportiert. Im Westen war, glücklicherweise voreilig, vom größten Kunstraub aller Zeiten die Rede. Tatsächlich wurden die Bilder, nach sorgfältiger Restaurierung, 1956 zurückgegeben. Nach einem feierlichen Akt in der Berliner Staatsoper Unter den Linden wurden wir damals, westliche Museumsleute und Kunstkritiker, in Autobussen nach Dresden gefahren, wo wir die Bilder in der inzwischen teilweise wiederhergestellten Semper-Galerie besichtigen konnten. 1960 war die Galerie im alten Umfang wieder zugänglich. Die Einrichtung und Einteilung im Innern wurde nach neuen musealen Erfordernissen verändert. Weniger Bilder, dafür einreihig gehängt nur 610 Gemälde, ein Drittel von dem, was einmal im Stallgebäude Platz gefunden hatte, und systematische Ordnung, nach Ländern und Schulen.

Mit der Wiedereröffnung der Semper-Galerie ist die Odyssee der Bilder aber immer noch nicht zu Ende. Was man in italienischen Museen häufig erlebt, trifft derzeit auch auf Dresden zu: Die Galerie ist in restauro. Der Semper-Bau ist dringend reparaturbedürftig. In Italien bedeutet das im allgemeinen, daß man die Werke viele Jahre nicht sehen kann. In Dresden wird es nach Meinung des designierten Generaldirektors der dortigen Museen, Dr. Werner Schmidt, höchstens zwei Jahre dauern. Provisorisch ist die Sammlung zur Zeit im Albertinum an der Brühischen Terrasse untergebracht, wo sie sich die Räume mit den „Neuen Meistern“, der Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts, teilen muß. Eine vorübergehende Zwangsvereinigung, die für beide Teile schmerzlich ist, für die Alten und die Neuen Meister, weil sie sich nur in einer knappen Auswahl präsentieren und sich nicht in der vollen Breite entfalten können. Was die Alten Meister angeht: Die wichtigsten Bilder, die Meisterwerke, denen die Dresdner Galerie ihren Weltrang verdankt, sind selbstverständlich ausgestellt, und sie verursachen dem Betrachter, wenn er von einem Drei-Sterne-Bild zum nächsten wandert, ein Gefühl von Übersättigung – zuviel des Guten, des Allerbesten, das strapaziert die Aufnahmebereitschaft, es fehlen die weniger anspruchsvollen Bilder, die nicht durch große Namen imponieren, bei denen er ausruhen, sich erholen und auch die Meisterwerke erst schätzen lernen kann. Es fehlt der „zweite Rang“, der zum Verständnis einer Epoche unerläßlich ist, es fehlt das zweite Feld zwischen den Gipfeln, in dem man selber Entdeckungen machen kann.

Eine weitere Fatalität: Die Abfolge der Räume bringt die Chronologie, den historischen Ablauf gänzlich durcheinander. Die Neuen Meister sind nicht im Anschluß an die „Alten“ zu sehen, sondern mitten hinein und dazwischen untergebracht. Auf seinem vorgeschriebenen Rundgang gerät der Besucher von der italienischen Renaissance unversehens in die deutsche Romantik, die in Dresden hervorragend, fast so gut wie in Charlottenburg oder in Hamburg, vertreten ist. Vor allem Caspar David Friedrich, der von Greifswald nach Dresden gegangen und in Dresden geblieben ist. Darunter das frühe Bild „Schiffe am Abend im Hafen“ und „Das große Gehege bei Dresden“, eine seiner schönsten Landschaften, aber auch das symbolträchtige „Kreuz im Gebirge“, das seltsamste und eigenwilligste Altarbild des 19. Jahrhunderts. Dazu die Romantiker Johann Christian Dahl („Dresden bei Vollmondschein“) und Ludwig Richters populäre „Überfahrt am Schreckenstein“. Weiter im Schnellgang durchs 19. Jahrhundert: ein wundervoller Marées („Römische Landschaft“, 1868), Böcklins „Sommertag“ von 1881, und schon sind wir bei dem „Quittenstilleben“ von van Gogh, den Tahiti-Frauen von Gauguin, den Tänzerinnen von Degas (im Pastell und in Bronze).