Von Hansjakob Stehle

Die italienischen Kommunisten sind nicht immer genug kommunistisch. Lenin, 1921

Bologna, im März

Den Schwarzsehern unter den alten Genossen blieb beim Anblick des Kongreßsaales in Bologna wenigstens ein Augentrost: Alles war mehr noch als früher in pures Rot gehüllt – nicht aus Scham, sondern mit dem Stolz derer, die es zwar längst vor dem osteuropäischen Bankrott des Kommunismus besser gewußt und auch gemacht hatten, doch vor der letzten Konsequenz zurückgeschreckt waren. Sie soll jetzt gezogen werden – ohne "historischen Kompromiß" (wie das Erfolgsrezept der siebziger Jahre hieß) und auch ohne noch länger dem Phantom eines "dritten Weges" zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie oder auch nur eines "eigenen Weges zum Sozialismus" nachzujagen.

Oder etwa doch? Ein klein wenig? Menschlich und allzu menschlich, wie Politik auf italienisch allemal gemacht wird, verlief auch dieser außerordentliche Parteitag der "großen Wende" in einer fast rührseligen Mischung von Aufbruchs- und Abschiedsstimmung. Sie verwischte zuweilen nicht nur die Gegensätze, sondern auch die programmatischen Neuansätze, die vier Tage lang so offen, heftig und – verschwommen diskutiert wurden, wie das bei den anderen Parteien immer schon üblich ist. Wird also aus dieser KP, die es als einzige der Welt in freien Wahlen auf mehr als ein Drittel der Stimmen brachte (1989 noch auf 27,6 Prozent), eine "normale" italienische Partei? Wird sie demnächst, geöffnet nicht nur zu den Grünen und den linken Katholiken, sondern Arm in Arm mit den Sozialisten ihres langjährigen Konkurrenten Bettino Craxi, zur sozialdemokratischen Alternative? Kann sie so Italiens verkrustetes Regierungssystem aus den Angeln heben, ja Europas postkommunistische Zukunft mitbestimmen?

All das lag in der – mal dünnen, mal dicken – Luft dieses Parteitags, dem aus Furcht vor der eigenen Kühnheit der große Atem immer wieder zu versagen drohte. Und dies, obwohl Generalsekretär Achille Occhetto von der "Glasnost-Italiana" sprach. In ihr lösten sich allerdings die spärlichen Reste von Ideologie, vor allem der "demokratische Zentralismus" und sein Trugbild von Einheit vollends auf. Von den Delegierten, an deren Auswahl sich nur noch achtzehn Prozent des 1,4 Millionen-Parteivolks beteiligt hatte, gaben die Überzeugten, nämlich zwei Drittel, dem Parteichef grünes Licht für eine rosarote "konstituierende Phase". Sie soll Ende dieses Jahres zur Gründung der neuen "Sache" (sogar das Wort Partei scheut man) führen, die noch keinen Namen hat. Soll sie also nicht mehr kommunistisch heißen?

Da mußte sich Occhetto winden: Es lohne sich doch nicht, des Namens wegen der "Sache" zu schaden – oder umgekehrt. "Wir müssen doch nicht von vorne anfangen", gab der frühere Parteichef Natta skeptisch zu bedenken, während Napoletano, der "Außenminister" der Partei, der längst schon Sozialdemokrat ist, warnte: "Um heute in Europa zu zählen, dürfen wir nicht Gefangene der Vergangenheit bleiben." Bekam deshalb der Altkommunist Cossutta, der nur drei Prozent der Delegierten zur Erhaltung des Feindbildes vom Kapitalismus um sich scharen konnte, mehr Beifall als Stimmen? Gefühl und Verstand lagen im Widerstreit. So leicht wie in Ungarn oder Polen, wo die "Sache" zu Tode geritten wurde, kann man es sich in Italien eben nicht machen. Wenn die KPI "so etwas Monströses" gewesen wäre, hätten dann Millionen Italiener sie gewählt? Aldo Tortorella, der wortgewaltige Sprecher des gemäßigt-oppositionellen Drittels der Delegierten, warnte mit diesem Argument davor, daß kommunistische Kind mit dem Bade auszuschütten. Man habe das Moskauer Lager nicht erst nach dem Fall der Berliner Mauer, sondern schon 1968 verlassen. "Hier in Italien brauchte man keine Geheimpolizei, um eine tote Partei künstlich am Leben zu halten. Hier stand die Polizei immer auf der anderen Seite – auch als wir zur Regierungsmehrheit gehörten", rief Tortorella und erlitt vor Erregung einen Herzanfall. Voll Mitgefühl und Fairness wählten ihn am Ende auch seine Kritiker zum Ehrenpräsidenten ...