Die Völker würden eines Tages "ihre Schwerter zu Pflugscharen" machen, sagte der Prophet Jeremias in der Bibel voraus. Der britische Ex-Oberst Leonard Cheshire ist dabei, diese schöne alte Utopie ein Stück weit in die Wirklichkeit umzusetzen. Seine modernisierte Version lautet: Raketen zu Kugelschreibern.

Den Stoff, aus dem die Stifte sein werden, bekommt der 72jährige von der Sowjetunion geschenkt. Sie spendet das Altmetall ihrer verschrotteten SS-20- und SS-23-Mittelstreckenraketen einem im vergangenen Jahr von Cheshire ins Leben gerufenen internationalen Hilfsfonds, dem "World War Memorial Fund for Disaster Relief" ("Weltkriegsopfer-Gedenkfonds zugunsten von Katastrophenhilfe").

Cheshire, der im Zweiten Weltkrieg Chef einer britischen Bombereinheit und britischer Beobachter beim Atombombenabwurf auf Nagasaki war, verließ 1945 den Militärdienst und konvertierte zum Katholizismus. Seitdem widmet er sich der Hilfe für Opfer. "Als einer, der das Glück hatte zu überleben, sah ich es als meine Pflicht an zu helfen, eine bessere Welt zu bauen." Inzwischen gehören 260 Heime für behinderte Menschen in 48 Ländern der von ihm gegründeten Cheshire-Stiftung an.

Der Stifter wurde zum Stifte-Produzenten, als die Sowjets ihm Anfang des Jahres "völlig überraschend" ihren Raketenschrott anboten. "Ich dachte, daraus sollte man etwas Nützliches herstellen." Sein Einfall: "Kugelschreiber. Die Feder ist mächtiger als das Schwert."

In Moskau warten jetzt die ersten sieben Tonnen der ehemals auf Westeuropa gerichteten, nun verschrotteten Atomwaffen auf ihren Abtransport. Einige Metallstücke haben die friedliche Reise in den Westen schon hinter sich. Sie werden gegenwärtig in Labors des Stahlkonzerns British Steel kostenlos auf ihre metallurgische Beschaffenheit analysiert. Mit führenden Kugelschreiber-Herstellern, darunter auch zwei Firmen aus der Bundesrepublik, laufen Verhandlungen über den Produktionsbeginn.

Leonard Cheshire rechnet damit, daß er wegen der mit dem Prospekt verbundenen Publicity mit den Unternehmen einen guten Preis aushandeln kann. Und wegen der Quantität: "Mein Ziel ist, hundert Millionen Kugelschreiber aus Raketenschrott zu produzieren. Und jeder Kugelschreiber wird mit einer Nummer versehen sein, um so an eines der hundert Millionen Kriegsopfer dieses Jahrhunderts zu erinnern."

Die Kugelschreiber sollen pro Stück circa zwanzig Mark kosten. In begrenzter Auflage ist auch eine Luxusversion geplant, "mit der zum Beispiel weitere Abrüstungsverträge unterschrieben werden können". Pro normalen Raketen-Stift möchte Cheshire einen Gewinn von fünf Pfund (vierzehn Mark) machen. Dieser soll dem Hilfsfonds zugute kommen, den er 1989 zum fünfzigsten Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges ins Leben gerufen hat. Die Einnahmen des Fonds werden der Uno zur schnellen Hilfe bei Naturkatastrophen zur Verfügung gestellt. Cheshires Idee: "So kann eine kleine Spende in Erinnerung an die Opfer vergangener Kriege helfen, zukünftig Leben zu retten."

In Großbritannien erhielt er Unterstützung durch den Organisator des Live-Aid-Konzerts, Bob Geldorf, den Schauspieler Alec Guinness, den Ex-Beatle Paul McCartney und andere. "Wir hoffen", schrieben sie, "daß die Existenz des Hilfsfonds die Einsicht in der Welt fördern wird, daß Nationen zum gemeinsamen Wohle der Menschheit zusammenarbeiten müssen."

Inzwischen hat Cheshire schon weitergehende Projekte im Auge: Kugelschreiber, die halb aus sowjetischen und halb aus amerikanischen Raketen bestehen. Das, so sagt er, "hätte noch mehr Symbolik". Jerry Sommer