Von Hagen Schulze

MÜNCHEN. – Daß das Ende der Geschichte gekommen sei, wie einige amerikanische Intellektuelle uns einreden wollen, wird täglich in der Abendschau dementiert. Noch nie gab es so viel Geschichte wie heute. Kaum ein Tag ohne ein „historisches Ereignis“: Zwei Staatsmänner schütteln sich vor immer gleich aussehenden Sofas die Hände, jemand spricht von einer Rednertribüne herab ein oder zwei Sätze, Menschenmassen ziehen fahnen- und spruchbänderschwenkend durch die Straßen oder füllen irgendwelche Plätze, und der Fernsehkommentator versichert uns, da ereigne sich geschichtlich Bedeutendes. Das Außerordentliche, vor dem Bildschirm wird’s zum Alltäglichen.

Man stelle sich einmal vor, die Französische Revolution hätte im Fernsehzeitalter stattgefunden. Dann hätte sich nicht eine Unzahl deutscher und englischer Bildungsbürger in Paris eingefunden, um weitschweifige, gelehrte, nachdenkliche und um Begreifen bemühte Briefe in die Heimat zu schicken, wo sie etwa zwei Wochen nach den Ereignissen eintrafen und in den Gazetten zu lesen waren.

Nein, ein Heer von Fernsehteams hätte spätestens seit dem Zusammentritt der Generalstände mit täglichen Bildern aus Paris aller Welt gezeigt, „wie zu einer Zeit, da alle Gemüter in aufbrausender Gärung sind, da beinahe eine völlige Anarchie durchs ganze Reich herrscht, gleichwohl überall, sogar beim größten Volksgedränge, alles so ruhig, so friedlich, so anständig und sittlich zugeht...“, so der Revolutionstourist Johann Heinrich Campe. Sicher, hier und da gäbe es auch pikantere Bilder, mal einen Schädel auf einer Pike, mal die furchtzitternde Königsfamilie in einer Karosse auf dem Weg von Versailles nach Paris, um sich unter die Obhut „des Volkes“ zu begeben.

Aber was hätte jener Zivilist gesagt, der sich am Abend des 20. September 1792 nach der unglücklich verlaufenen Kanonade von Valmy mit einigen preußischen Offizieren um das Fernsehgerät geschart haben würde, um die Brennpunkte der Ereignisse in Großaufnahme zu besichtigen? „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus ...“ Nein, das hört man schon seit Jahren allabendlich in der Tagesschau, und dabei ist man sowieso jederzeit.

Nun hat Goethe diesen Ausspruch vermutlich wirklich nicht getan; er besaß eben kein Fernsehgerät. Und deshalb war ihm in jener kalten, regnerischen Nacht im Kreideschlamm der Champagne die historische Bedeutung jener Schlacht auch keineswegs bewußt. Erst der Abstand von dreißig Jahren – die „Kampagne in Frankreich“ entstand 1822 – gab ihm die Sicherheit des historischen Urteils. Denn was historisch wichtig und wirksam für die Zukunft ist, das lehrt erst die Zeit, in der sich die Zusammenhänge und Hintergründe entfalten und enthüllen.

Die Geschichte ist der Zusammenhang der vielen Geschichten, die sich erst vollständig ereignet haben müssen, bevor sie begriffen und erzählt werden können. Deshalb fiel es den Zeitgenossen der Französischen Revolution leicht, die Ereignisse in Frankreich zu beurteilen und je nach persönlicher Einstellung, aber doch sinnvoll auf sie zu reagieren. Denn die Nachrichten verbreiteten sich langsam, und wissenswert war nur das wirklich Neue, das sich in Revolutionszeiten zwar häufig, aber doch in Abständen ereignet. So konnten die Betrachter das Geschehene in der Perspektive sehen und bedenken, bevor die nächste Neuigkeit eintraf und die Geschichte veränderte.