Die junge Fluggesellschaft kann ohne einen Partner nicht überleben

Von Karl-Heinz Büschemann

Für ihren abendlichen Ruckflug von Hamburg wollte sich Hedwig S etwas Gutes tun Statt mit der letzten Maschine der Lufthansa gen München zu fliegen, zog es die Dame vor, noch zwanzig Minuten zu warten, um mit der neuen Fluggesellschaft German Wings (GW) den Heimweg anzutreten Denn auch die junge Frau hatte längst die Erfahrung gemacht, daß dieser Lufthansa-Konkurrent bei gleichem Tarif angenehmeres Fliegen erlaubt als die Staatslinie mehr Platz in der Kabine und besseren Service Die Heimreise nach München wurde für Frau S dann aber zum Horrortrip Mit den anderen Passagieren wurde sie die 800 Kilometer lange Strecke per Bus durch die Nacht in die bayerische Landeshauptstadt gekarrt Ihr Flieger durfte in Hamburg wegen Nebels nicht starten

Die Fluggaste waren darüber nicht nur verärgert, sondern auch erstaunt, denn die planmaßig wenige Minuten zuvor gestartete Lufthansa-Maschine hatte – bei gleichen Wetterbedingungen – pünktlich abgehoben Was die Passagiere aber nicht wußten Ein Gesetz schreibt vor, daß auch ein erfahrener Pilot zwölf Monate Praxis auf einem bestimmten Flugzeugtyp nachweisen muß, bevor er bei schlechter Sicht fliegen darf German Wings aber hatte den Flugbetrieb erst vor weniger als einem Jahr aufgenommen

Diese administrative Benachteiligung, die schon manchen GW-Flug kippte, steht geradezu symbolisch für eine Reihe von Startproblemen der neuen Fluggesellschaft, die am 10 April 1989 den Flugbetrieb zwischen den Städten München, Hamburg, Köln, Dusseldorf und Paris aufgenommen hat und die vor allem mit einem Argument auf mehr Komfort setzt In den Flugzeugen von GW gibt es nur Fenster- und Gangplatze Die bei den Passagieren wegen ihrer oft qualvollen Enge verhaßten Mittelplatze fehlen Mit 112 statt normalerweise 172 Sitzen in diesen Flugzeugtypen und dem Slogan „Etwas mehr Klasse“ machten sich die Münchner auf Kundenfang

Jetzt aber steht die noch kleine Fluggesellschaft, die von den Begründern Peter und Christian Kimmel 1986 gegründet wurde, vor gewaltigen Problemen Die Gewinnschwelle ist entgegen den alten Planen noch nicht erreicht, die Auslastung der Maschinen zu gering und das Grundkapital von nominal 44 Millionen Mark so gut wie verbraucht Peter Kimmel, der als Firmenmitbegründer noch vor einem Jahr vor Optimismus strotzte, sieht die Dinge heute etwas weniger rosig „Es ist ein mühsames Geschäft, das wir uns so hart nicht vorgestellt haben “ Dabei sah er die Zukunft der Gesellschaft, an der neben den Brüdern Kimmel auch noch die Verlagserben Frieder und Franz Burda mit zusammen vierzig Prozent und ein bayerisches Bankenkonsortium mit zwanzig Prozent beteiligt sind, am Anfang durchaus vielversprechend Allerdings zeigte die Lufthansa den Kimmel-Brudern schon vor deren Erstflug ihre Entschlossenheit, die Newcomer gar nicht erst hochkommen zu lassen

Weil die Lufthanseaten sich schlicht weigerten, die Flugtickets des neuen Konkurrenten auch in ihren Flugzeugen zu akzeptieren, ließen sie es sogar auf einen Prozeß ankommen, der freilich nur den Münchnern nutzte Zum einen wurde die Staatslinie dazu verurteilt, in Zukunft German-Wings-Fluggaste in ihren Maschinen genauso zu akzeptieren wie Passagiere mit Swissair- oder Air-France-Tickets Zum zweiten wurden die Neulinge durch die Berichterstattung über die kleinkarierte Politik des Luftmonopolisten und den Prozeß in Dusseldorf sehr schnell bekannt