Mit jener erschreckenden Gründlichkeit, die wir aus unserer eigenen Vergangenheit nur zu gut kennen, machte sich in den dreißiger Jahren die Sowjetunion daran, ihre Kultur zu vernichten, eine Kultur, die eben, in den Jahren nach dem Ende des Bürgerkriegs, zu seltener Blüte gelangt war. Aufgrund des traditionell hohen Prestiges, das die Literatur in Rußland genießt, traf es die Autoren besonders brutal. Ossip Mandelstam, eines der zukünftigen Opfer, soll zu seiner Frau gesagt haben: „Was beklagst du dich? Die Dichtkunst wird nur bei uns so geachtet. Für sie wird man umgebracht. Nur bei uns. Sonst nirgendwo ...“

In einigen Fällen – und zu ihnen zählt wahrscheinlich auch Boris Pilnjak – scheint sich Stalin höchstpersönlich um die Anklage gegen Literaten gekümmert zu haben. Pilnjak war seit 1919 mit Erzählungen und den Romanen „Das nackte Jahr“ und „Maschinen und Wölfe“ rasch zu einem der bekanntesten neuen russischen Prosaschriftsteller geworden. Ähnlich wie Isaak Babel gelang es ihm, die kurz zurückliegenden gewaltigen Erschütterungen, den Krieg, das Revolutionsjahr 1917, den Bürgerkrieg und die radikalen Umgestaltungsversuche des neuen Regimes in seiner Literatur aufzugreifen, ohne die Kraßheit des Geschehens, das Unmittelbare der Augenzeugenschaft dabei verlorengehen zu lassen. Pilnjak entwickelte eine eigenwillige Prosaform, in der Variation und Wiederholung, lyrisch-impressionistische Naturschilderung, Reportage, kommentierendes Erzählen und die Verwendung von „Originalton“ (Mundarten, Briefe, Erlässe, Chroniken) eine unverwechselbare Verbindung eingehen.

Auch wenn es sich um historische Gestalten und Ereignisse dreht, haben Pilnjaks Geschichten keine eigentlichen „Helden“ – und schon gar nicht jene positiven Helden des Aufbaus, die von der offiziellen Kritik gefordert und von willfährigen oder nur schlichten Geistern jahrzehntelang am Fließband produziert wurden – bis hinein in unsere Tage.

Pilnjaks „Helden“ sind ein Frachtdampfer oder der Eisenbahnzug, mit dem die halbverhungerten Städter in die Steppe fahren, um durch Tausch und Betteln Lebensmittel zu bekommen. Sein „Held“ ist das Volk, unendlich viele Personen, sparsam charakterisiert, die in diesen Geschichten auftreten und wieder verschwinden.

Manchmal geraten die Mächtigen von einst und jetzt in den Blickkreis des Erzählers: Mit liebevoller Akribie wird uns die Figur Peters des Großen („Seine Majestät Kneeb Piter Kommandor“) nahegebracht, der aus dem unwegsamen, barbarischen, bitter armen, halbasiatischen Rußland eine Großmacht europäischen Zuschnitts machen wollte, offenbar ein wiederkehrendes Motiv der russischen Geschichte. In der „Geschichte vom nichtausgelöschten Mond“, die Mitte der zwanziger Jahre spielt, dagegen tritt „der unbeugsame Mann“, dessen Gesicht „im Schatten nicht zu erkennen“ war, kaum in Erscheinung; nirgendwo wird explizit gesagt, daß auf seine Anordnung hin die Ärzte einen beliebten Bürgerkriegsgeneral und Heeresoberkommandierenden bei einer unnötigen Operation sterben lassen.

Aber bei Veröffentlichung der „Geschichte vom nichtausgelöschten Mond“ 1926 in der Literaturzeitschrift Nowy Mir zeigte sich, daß der Text trotz seiner literarischen Stilisierung für bare Münze, also für eine Bestätigung dessen genommen wurde, was man sich zu dieser Zeit ohnehin unterderhand erzählte: daß es dem General Frunse ebenso ergangen sei wie dem Genossen Gawrilow in der Erzählung. Die Kunst wurde für ein Stück Natur genommen; von höchster Stelle begannen Angriffe auf Pilnjak, die nicht mehr aufhören sollten. So lange Maxim Gorki lebte, hielt er seine schützende Hand über viele der in Bedrängnis geratenden Autoren. Nachdem aber sein Leben auf Anregung des obersten Genossen 1936 auf dem Operationstisch ein vorzeitiges Ende gefunden hatte, wurde die Treibjagd eröffnet.

Pilnjak, der schon 1924 öffentlich erklärt hatte, es falle ihm gar nicht ein, „wie ein Kommunist zu schreiben“, wurde 1937 verhaftet und – die Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt – spätestens 1941 in einem Lager umgebracht. Erst seitdem in den letzten Jahren in der Sowjetunion eine offenherzige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit begonnen hat, könnten seine Texte wieder in vollständigen Fassungen veröffentlicht werden.