Von Christian Wernicke

Rostock, im März

Der eisige Westwind läßt die Menschen frieren. Doch die angeblich über hunderttausend Mecklenburger auf dem öden Platz am Rostocker Hafen, sie schreien sich heiß und heiser. Sie sonnen sich in der Nähe ihres Idols. „Helmut, Helmut“, skandieren sie über die Absperrgitter hinweg, übertönen sie die drei DDR-Politiker, die als Vorredner und Verbündete des Bonner Regierungschefs verzweifelt ihre Botschaften ins Mikrophon brüllen. Ihr Hoffnungsträger steht derweil auf dem Podium, plaudert wohlgefällig mit seinem Nachbarn und steckt die Hände in die Manteltaschen.

Der Wahlkampf als Mittel der Verdrängung: Wer unter dem SED-Regime nur zu oft Enttäuschung und Verbitterung hinunterschlucken mußte, dem schmecken simple Zukunftsvisionen. Helmut Kohl personifiziert für sie eben dies: Freiheit, Einheit, Wohlstand. An seiner in der DDR noch wuchtiger wirkenden Statur wollen sich viele aufrichten, die bislang den Sozialismus gebeugt und still ertragen haben.

Kohls Bannerträger in der DDR, jene in der losen Wahl-Allianz-für-Deutschland widerwillig zusammengeführten Politiker aus der ehemaligen Blockpartei Ost-CDU, aus dem christlich-liberalen Demokratischen Aufbruch (DA) und aus der populistischen Deutschen Sozialen Union (DSU), können dieser Flucht nach vorn nur wenig Orientierung geben – schon deshalb, weil sie zu häufig über die eigene Vergangenheit stolpern, die so viele vergessen wollen.

„Außer ein paar Kindern und Alkoholikern gibt es keinen, der sagen kann: ‚An den 40 Jahren DDR trage ich keine Schuld.‘“ Rainer Eppelmann, Pfarrer und nunmehr DA-Politiker, philosophiert mit Berliner Schnauze über einen Fall im doppelten Sinne des Wortes, den Fall von Wolfgang Schnur. Gewiß, noch ist nicht bewiesen, daß der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs ein informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen ist. Wenn sich auch täglich neue Indizien in den Archiven oder in Hintergrundgesprächen mit alten Wegbegleitern des 45jährigen Rechtsanwaltes finden lassen, Schnur muß so lange als unschuldig betrachtet werden, wie die Gutachter seine Unterschriften unter den Stasi-Protokollen nicht als echt ausweisen – oder er selbst nicht zugibt, was er bis heute abstreitet.

Unklar bleibt somit, ob Wolfgang Schnur ein besonders perfider Täter war, der als Stasi-Wolf im kirchlich-oppositionellen Schafspelz für Geld und Karriere SED-Gegner bespitzelte. Opfer jedoch ist er schon heute. Nicht einfach nur das Opfer einer „Verleumdungskampagne“ von alten Schergen des aufgelöst geglaubten Geheimdienstes. Nein, Schnur erscheint auch als Opfer seiner selbst. Mit ungezügeltem Ehrgeiz und Kräfteverschleiß stürzte er sich in die Politik, brach er seiner einstmals linken Partei den ökosozialen Flügel ab, biederte er sich bei der Bonner CDU an. Auch die Bündnisaussage für die Allianz mit der ehemaligen „Blockflöte“ CDU und der rechtslastigen DSU setzte er, wenngleich mühsam, durch. Wie sehr Schnur schon vor der jüngsten Affäre sein eigenes Maß in dem ausufernden Wahlkampf aus den Augen verloren hatte, offenbarte er, als er sich vor Wochen in Halle als „neuer Ministerpräsident“ vorstellte.