Von Reinhard Baumgart

Um in dieses Buch zu locken, muß erst einmal gründlich vor ihm gewarnt werden, vor seiner Ferne nämlich zu allen unseren aktuellen Literaturerwartungen. Denn nichts könnte fremder, wie ein Monolith und Denkmal aus legendären Zeiten, in unserer vorwiegend lockeren, heiteren Literaturlandschaft stehen, nichts auch unseren jüngsten politischen Erfahrungen fremder sein als dieser karge, knappe Roman.

Agota Kristof, geboren 1935 in Ungarn, geflohen 1956 in die Schweiz, schreibt auch ihr zweites Buch (nach "Das große Heft") aus um Jahrzehnte zurückliegenden traumatischen Erfahrungen. Diesmal dient die licht- und hoffnungsloseste Phase des Stalinismus, eines radikal aufs nackte Existenzminimum heruntergedrückten gesellschaftlichen und individuellen Lebens, als Hintergrund und Fundament der Erzählung, aber auch als ihr Horizont, über den hinaus sie keinen Blick wirft.

Eine hermetische Erzählwelt bildet sich, ohne Licht, Farben, Schatten, gleichmäßig dunkelgrau. Ihre Radikalität beweist die Erzählerin gerade dadurch, daß sie den Bezug auf das Ungarn der fünfziger Jahre zwar deutlich hält und diese Erfahrungen doch herauslöst aus allen politischen und historischen Zusammenhängen, um sie zu konzentrieren in Bilder einer abgehobenen, traumhaft imaginären Realität. Die Erzählung soll und will durchaus kein Fleisch ansetzen. Ihre Menschen scheinen aus nichts als Haut und Knochen und Nervensträngen zu bestehen.

Kurzum: Hier lockt nicht das Lesefutter, mit dem die Postmoderne ihre Kunden so üppig verwöhnt. Während in ihren Büchern auch ferne Jahrhunderte bunt und nah heransimuliert werden, als ließe die ganze Weltgeschichte sich auflösen in ihren schönen Nachgeschmack, betreibt Agota Kristof wie im Gegenzug spröde Reduktion, kahle Entzauberung, die Freilegung von Modellen der conditio humana. In ihrem Roman unterwegs, wird man erinnert an große Figuren einer schon verdämmernden Avantgarde, an Beckett und seine Prosa, an die Filme Bressons.

Dieses zweite Buch setzt genau da ein, wo das erste aufgehört hatte. Damals, im "Großen Heft", gründeten zwei kindliche Zwillingsbrüder und ihre Großmutter sich mitten im Weltkrieg methodisch und märchenkühn eine moralfreie und anarchische Sonderwelt. Das infantil-senile Überlebenstraining der Dreierbande formulierte unüberhörbar die Frage, ob sich in diesem Ausnahmezustand, jenseits von Gut und Böse, diesseits von Hoffnung und Trauer, existieren ließe, mit welchen Regeln, Gesetzen, Ritualen.

Diesmal also liefert das imaginäre Nachkriegs-Ungarn ein wieder humanes Experimentierfeld, über das einer der beiden Zwillinge fünfzehn Jahre lang läuft. Am Anfang, fünfzehn, ist er kein Kind mehr, am Ende, dreißig, noch immer kein Erwachsener. Er bleibt ein Schwarzer Engel, eingehüllt in das Geheimnis seines Unglücks, anziehend für alle, denen er begegnet, dabei wie unberührbar. Als die Erzählung einsetzt, hat er gerade seinen Vater verloren, den am Ende des ersten Romans die Zwillinge zu einem Probelauf über die Minenfelder an der Grenze geschickt hatten.