Die Stunde Blau ist angebrochen auf der Bühne des Antwerpener Opernhauses, der geheimnisvolle Augenblick, wenn die Tiere der Nacht sich schlafen legen und die Tiere des Tages wieder lebendig werden. „Es ist der kurze Moment starker Ruhe“, sagt Jan Fabre, und das Unsichtbare in seinen Kunstwerken der Stunde Blau liefere ihm den Beweis, daß sie mit ihrem Rätsel in sich selbst leben.

Halten wir uns also an das Sichtbare. Der leere Bühnenquader liegt im Halbdunkel. Man blickt auf eine riesige Vorhangsfläche, die mit feinsten Stricheleien tiefblau eingefärbt ist. Davor funkeln, über den gesamten Bühnenboden verteilt, Hunderte von stehenden Scheren wie ein silberner Rasen. Ein Schenkel jeder Schere steckt mit der Spitze im Holz, der andere weist nach oben. In einer leuchtend rot gestrichelten Hose erscheint II Ragazzo con la luna e le stelle sulla testa (der Junge mit dem Mond und den Sternen auf seinem Kopf). Die Himmelskörper trägt er nur im Namen, zu sehen sind sie nicht.

Später allerdings wird eine lebende Eule als ständiger Begleiter auf der rechten Schulter seines nackten Oberkörpers sitzen. Ruhig, ohne Hast pflückt er die Scheren einzeln vom Boden, klappt sie zusammen und schleudert sie in den Bühnenhimmel, der sie lautlos aufnimmt. Dazu tönen pathetische Klänge aus dem Orchestergraben. Mehrmals schimmern die Körper eines Chores durch den blauen Rückvorhang und intonieren sirenhaft wohlige Melodielinien in Terzparallelen. Il Ragazzo singt achtmal die Textzeile auf italienisch: „Wenn die Erde sich wieder in Bewegung setzt...“

Rätselhaft und effektvoll arrangiert – so ist die Bilderwelt des Jan Fabre. So beginnt auch die erste Oper „Das Glas im Kopf wird vom Glas“ des flämischen Theatermannes und bildenden Künstlers, die in Antwerpen, im Opernhaus seiner Heimatstadt uraufgeführt wurde. Mit seiner „Bic-Art“, der Kunst, mit einem Kugelschreiber (Marke Bic) Materialien jeglicher Art und zuweilen ganze Räume strichelnd blau einzufärben, hat er sich zu Beginn der achtziger Jahre ins Gespräch gebracht. Mit strengem, exerzitienhaften Bewegungstheater – zuletzt wurden im vergangenen Jahr in einer Werkschau drei seiner Bühnenproduktionen im Frankfurter Theater am Turm uraufgeführt – spaltet er sein Publikum in zwei Lager: Die einen halten ihn für einen Bluffer, die anderen versuchen sich fasziniert an ausschweifenden Deutungen seiner Rätselspiele. Den zweiten liefert auch die Oper „Das Glas im Kopf wird vom Glas“, von der ein Ausschnitt als „Dance Sections“ schon 1987 bei der Kasseler documenta zu sehen war, reichlich Anschauungsmaterial. Jede der acht Szenen umgibt sich mit der Aura der Bedeutungstiefe. Die Bilder geben vor, ein Geheimnis zu beherbergen. Doch über alle Erkenntnissuche, über alle Interpretationslust senkt sich der Nebel der Stunde Blau – sie führt zu nichts.

In den Schnürboden, der die Scheren schluckte, blicken traumverloren zwölf Chorknaben. Sie stellen 24 Klappstühle auf und im rechten Winkel dazu zwei Reihen mit je zwölf Kerzen. Auf einem der zwölf Stühle nimmt in einem gestrichelten blauen Anzug Helena Troubleyn Platz, die Hauptfigur der Oper. Sie steht mit höheren Kräften in Kontakt, lebt autistisch in der Welt ihrer Phantasie und trachtet nach Erlösung von ihrer Einsamkeit. Sieben Stühle weiter sitzt mit dem Rücken zum Publikum noch eine Frau in blütenweißer Unterwäsche (Helenas Alter ego?) und kämmt unaufhörlich ihr blondes Haar.

Zeitlupenhaft schreitet Helena zu den Kerzen, zündet sie nacheinander an, singt wirre Texte wie: „Ich bin taub. Ich höre dich nicht. Ich butter’ mein Toast von beiden Seiten. Ich muß allein sein...“ Zierliche Frauenfüße (Schuhe: blau) tippen sie anschließend ebenso zeitlupenhaft wieder aus. Dreimal vollzieht sich das seltsame Ritual. Mechanisch und mit minutiöser Genauigkeit wiederholen sich die Bewegungsabläufe. Währenddessen schreitet ein Chorknabe (rot) vorbei, der triumphierend eine tote Maus (weiß) am Schwanz vor sich herträgt.

Harte Nüsse, die der Rätselmeister seiner Gemeinde zu knacken gibt. Die Exegeten werden sich schwertun, denn diese Arrangements der Widersinnigkeiten erzählen nur sich selbst, und der mystische Ernst, mit dem sie zelebriert werden, verleiht ihnen ein scheinbares Gewicht. Fabres Bilder geben keine Antworten. Das könnte man verschmerzen. Aber sie stellen nicht einmal Fragen, außer der einen, die Helena Troubleyn während des Kerzenrituals an sich selbst richtet: „Was sehen meine Augen?“ Ihre Antwort: ein atemloses blindes Spiel, und es hat kein Ziel.“