Von Alexander Slavinas

Kaunas, Sommer 1940. Schon sechs Jahre bin ich Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei Litauens. Heimlich habe ich als Kurier der Partei erfolgreiche Reisen nach England, nach Schweden und durch Deutschland nach Litauen gemacht. Nun ist die Rote Armee einmarschiert und eine Volksregierung gebildet worden.

Nach ein paar Tagen gehe ich durch eine Glastür ins Departement der Staatssicherheit. Zur Arbeit. Ich sitze an jenem Tisch, an dem mich einmal Mitarbeiter der litauischen Polizei verhört haben. Ich sitze auf der anderen Seite des Tisches.

Es verlangt nach mir der Direktor des Departements der Staatssicherheit. Das ist Antanas Snetschkus, der aus dem Gefängnis befreite Sekretär der Kommunistischen Partei Litauens. Als ich sein Arbeitszimmer betrete, stellt er mich einem Unbekannten vor: „Das ist unser zuverlässiger, vertrauenswürdiger Genosse.“ Dann, zu mir gewandt: „Du mußt dafür sorgen, daß Genosse Petrow ungefährdet durch die Stadt gehen kann und daß er ohne Gefahr mit Menschen, die er braucht, an ungefährdeten Orten zusammenkommt.“ Und am Ende höre ich nur allzu bekannte Worte: „Dies ist der verantwortungsvollste Auftrag, der dir je anvertraut wurde.“

Bald sitze ich mit dem „Genossen Petrow“ im Auto allein. Petrow bittet mich, ihm die Stadt zu zeigen. Er guckt auf seine Uhr und sagt: „Bis zum Mittagessen.“ Petrow trägt eine goldene, ovale Armbanduhr. Das Zifferblatt hat römische Ziffern. Die beste Uhr der Moskauer Uhrenfabrik.

Dann betrachten wir einer den anderen. Ich überlege, was für einen Eindruck ich auf den Genossen Petrow mache und wie mein hellblaues Jackett ohne Futter, das ich in Stockholm während eines Schlußverkaufs bei Karl Aksen gekauft habe, auf den mir Anbefohlenen wirkt.

Petrow hat einen dunkelblauen Anzug, aber nicht aus Wollgewebe, sondern aus Kammgarn. Sogar jene englischen Gentlemen von der Polizei in Dover, die mich einmal nicht nach England hineinließen, hatten keine Anzüge aus so teurem Stoff. Der gute Kammgarnanzug ist vorzüglich geschnitten. Alle Knopflöcher am Jackett sind mit Seidenfäden abgesetzt.

Petrow trägt seinen Anzug selbstbewußt. Er verhält sich zu seinem Anzug und zu seiner Uhr mit betonter Lässigkeit. Ich bemerke das, beobachte, wie sich Petrow ins Auto setzt. Auf einen Vordersitz, obwohl sich die Fahrgäste in Kaunas in solch einem Anzug gewöhnlich nur hinten hinsetzten. In London stellten sie womöglich sogar die Scheiben höher, die sie vom Taxifahrer trennen.

Petrow hat schwarze Schuhe aus Chevreauleder, vermutlich aus demselben wie die Stiefel von Stalin, denke ich. Im Kaukasus versteht man, Schuhwerk herzustellen. Dort weiß man, daß es nicht nur vor Kälte und Nässe schützen, sondern dem Gang Festigkeit und Elastizität verleihen muß. Petrows Schuhe haben feste Hacken, sie geben dem Gang auch die erforderliche Geschmeidigkeit. Ich denke an jenen Schuhmacher, der aus weichem Chevreauleder Stalins Stiefel herstellt.

Vielleicht hat man für diesen Schuhmacher schon eine eigene Etage gebaut, ausgeschmückt mit weißen Fliesen. Und dort, auf dieser Etage, sind die Wege mit Teppichen ausgelegt, und an den Wänden sieht man Bären in vergoldetem Rahmen. Auf dieser Etage fertigt man Schuhwerk nur für diejenigen an, die befugt sind, sanft und lautlos in die Sitzungssäle des Volkskommissariats vorzudringen, in die Kabinette der Volkskommissare, der Brigadekommandeure und Befehlshaber. Jeder, dem man auf dieser Etage Schuhzeug anfertigt, hat da seinen eigenen Leisten. Und dieser Leisten wird in einem eisernen Safe mit einem Griff „Geheim“ aufbewahrt. Nur Stalin selber weiß, wie viele Leisten sich im Safe befinden, was für Fußknochen wer hat, was für eine Fußsohle – und ist da nicht ein Geschwür, zwischen den Zehen?

Ich fahre mit Petrow durch die Straßen von Kaunas. Er aber fragt mich nach Leningrad und Moskau aus und bemerkt dann, irgendwohin in die Ferne blickend: „Bei uns ist es aus irgendeinem Grunde üblich, die Ausländer zu fragen, wie ihnen Moskau oder Leningrad gefallen hat. So fragt nämlich niemand in London oder Stockholm, nicht wahr?“ Und als Reaktion auf mein höfliches Schweigen fragt mich Petrow, der sich mir zugewandt hat und mich aufmerksam mustert: „Was hat Ihnen eigentlich sowohl in Moskau als auch in Leningrad am besten gefallen?“

Ich erinnere mich an den Küchengroßbetrieb und die Museen in Leningrad; an den „Fürst Igor“ im Großen Theater in Moskau; an das Gasthaus „Luxus“; an die unlängst gebaute Metro; an die Station am Swerdlow-Platz mit den bronzenen Figuren der Arbeiter, Sportler und Rotarmisten; an das Portrait Stalins mit der Tabakspfeife; an das Balken-Einzelhaus des Bildhauers Merkulow im Ismajlowschen Park, wo acht Gestalten, voll von Trauer und Mut, auf den gekrümmten Schultern den toten Lenin tragen. Dann sage ich, völlig unerwartet für mich selber und für Petrow: „Die Freiheit.“ Und weiter: „Sie können sich nicht vorstellen, wie erfreulich es ist zu wissen, daß niemand dich verfolgt, daß bei deinem Hause weder ein einarmiger noch ein lahmer Spitzel Wache hält, daß deine Telephonate kein Polizeiwachtmeister abhört, daß deine Briefe nicht von einem anderen Wachtmeister gelesen werden, daß Nachbarn dich nicht im Auftrage eines dritten Wachtmeisters aufsuchen.“

Von meiner Antwort ist Petrow völlig überrascht. Für einen Augenblick erscheint auf seinem hübschen Gesicht eine kleine Falte, dann verschwindet sie, und sein Gesicht gewinnt einen ebenso festen Ausdruck wie das Kammgarngespinst seines Anzugs. Petrow lächelt, aber dies Lächeln hat eine vielfältige Bedeutung. Mich jedoch regt das nicht auf. Ich glaube an die Freiheit in Moskau und Leningrad. Ich glaube denjenigen, die Hitler zum Stehen bringen.

Dann gelangen wir zu einer ungefährdeten Wohnung in einem ungefährdeten Hause. Dort erscheint auch derjenige, den Petrow für die Begegnung bestimmt hat. Er steigt schnell zu uns ins Auto, und ich fahre ihn und Petrow zu einer der Wohnungen, wo sich einst die Parteizelle unserer Jugendorganisation versammelte. Ich weiß nicht, was Genosse Petrow mit jenem Unbekannten überlegt, aber mir scheint, daß sich ihre Unterhaltung weder durch Romantik noch durch Naivität auszeichnet.

Während ich auf den Genossen Petrow lange warte, kommen noch einige Unbekannte in diese Wohnung. Einige von ihnen glauben an die Freiheit in Moskau und Leningrad, einige an russische Soldaten, die Hitler aufhalten werden, andere glauben an Küchengroßbetriebe in Leningrad, die nicht nur Grützkoteletts herstellen, sondern auch erlesene Delikatessen in Export-Verpackungen.

Einige dieser Unbekannten bleiben für immer unbekannt, einige werden bekannt, und ihre Photos erscheinen sogar in den Zeitungen. Sie stehen auf festlichen Rednertribünen, wir geben ihnen bei Wahlen unsere Stimmen, und sie applaudieren uns, wenn wir ihnen applaudieren.

Als Petrow herauskommt, sieht er auf die Uhr. „Mittagszeit“, sagt er. In Litauen aßen die Bauern um zwölf, die Beamten um eins, die Kaufleute um zwei. Es ist jetzt fünf Uhr. Ich erinnere mich, daß die Engländer um sieben essen, und ich wundere mich darüber nicht. Denn je besser ein Mensch angezogen ist, desto später braucht er Nahrung fürs mittägliche Essen.

Das Mittagessen der alten Griechen und Römer ist in zahlreichen historischen Romanen beschrieben. In einigen Ländern lag man beim Mittagessen, in anderen saß man, in manchen aß man schweigend, in anderen führte man Gespräche. Beim Galaessen spielte man Musik. In Georgien schlachtet man für einen wichtigen Gast einen Hammel und läßt einen neuen Weinkrug kreisen.

Ich „schlachte einen Hammel“ im Speiseraum des Schützenverbandes, nicht weit entfernt vom Departement der Staatssicherheit Litauens. Für den Genossen Petrow bestelle ich die allerteuersten Gerichte. In Litauen sind das: Bacon mit Zwiebeln, geräucherte Gans, Blätter von der roten Rübe, ein Gericht aus Salzkartoffeln, mit Fleisch gefüllt. Wir trinken Bier, und Genosse Petrow erzählt mir vom Chwantschka, Stalins Lieblingswein, von Mandeln, Rosinen, Safran und einer pflaumenartigen Frucht. Aber er teilt die Speisen weder mit dem Messer noch mit dem silbernen Dolch. Ich sehe, daß er schon längst von teuren Porzellantellern ißt und nicht von Weinblättern.

Genosse Petrow ist schon einige Jahre in Moskau. Er ist in der Hauptstadt angekommen zusammen mit Lawrentij Pawlowitsch Berija, um in den Organen des Volkskommissariats des Inneren die politische Linie des Zentralkomitees durchzusetzen, damit sich nicht die Organe des Volkskommissariats von der Partei ablösen, wie das in der Zeit Jeschows geschah.

Petrow ist kein Georgier, aber in Georgien wurde er geboren, wuchs er heran und lebte er. Er hat dunkles Haar, eine hohe Stirn, braune oder grünliche Augen, ein dunkelhäutiges, energisches Gesicht. Er spricht ein gutes, literarisches Russisch ohne kaukasischen Akzent. Petrow kennt die georgischen Sitten. Und wenn ich das Glas erhebe, um dem teuren Gast zuzuprosten, lächelt er und sagt: „Ich ordne mich unter, heute sind Sie der Tischmeister.“ Und er erklärt mir, daß der Tischmeister (Tamadä) der Ordner während des Gelages sei. Aber keine Melodien strömen aus dem Blasinstrument „Surnä“, und die Litauer tanzen nicht den kaukasischen Tanz „Lesginka“.

Petrow fragt mich nach dem Schützenverband, und ich sage, daß die deutsche Abwehr und die Gestapo jetzt, nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Litauen, vermutlich unter den Mitgliedern dieser Organisation aktiv werden. Petrow ist mit dieser Formulierung nicht einverstanden. „Das ist liberales Denken“, sagt er. „Wenn die Grenze hundert Kilometer entfernt ist, können wir uns nicht den Luxus leisten, unter Tausenden von Schützen deutsche Agenten zu suchen. Sie alle sind eine Basis für die Handlungen des Feindes, sie alle müssen isoliert werden“, sagt Petrow weiter und trinkt ruhig sein Bier zu Ende. Und in seinen Augen ist kein Glanz, ihre Farbe verändert sich nicht. Denn er ist nur der Heilkundige, von der Partei hergeholt, um den gesunden Volkskörper zu heilen – den russischen, den georgischen, heute den litauischen, morgen vielleicht den polnischen. Zu heilen von dem, was sich ausgewachsen hat, sich in Schichten legte, zur Geschwulst wurde. Nein, in seinen Händen ist kein Schwert und nicht einmal ein Skalpell. Seine Waffe ist ein einfacher Bleistift.

Stalin teilt den Frieden. Teilt ihn mit Hitler. Teilt Polen. Teilt Rumänien. Teilt Europa. Zunächst auf der Landkarte. Petrow teilt die Bewohner jener Welt, der Stalin den Frieden schenkt. Teilt nach Arbeitern und Bauern, nach arbeitender Intelligenz und nach Ausbeutern, nach klassenbewußten und klassenfremden Elementen. Teilt dann noch einmal auf nach Feinden und solchen, die zu Feinden werden könnten.

Ich erinnere mich an die Gendarmerie-Verwaltung in Petersburg, die gleichfalls die Bevölkerung vom Gouvernement Kowno [also Kaunas, A.d.Ü.] einstmals aufteilte nach Griechisch-Orthodoxen und Katholiken, nach Russen und Fremden, nach Vertrauenswürdigen und Nichtvertrauenswürdigen. Sie teilte, schrieb Meldungen, bestimmte, in welchem Landstrich des Imperiums wer leben durfte und wer nicht.

In jener Zeit hat der Kommandant der Festung Kowno, dem sogar erlaubt war, in Petersburg zu leben, in der Nähe der Gendarmerie-Verwaltung den Deutschen Pläne der Forts von Kowno verkauft. Und ich sage zum Genossen Petrow, ich hätte es vorgezogen, im Kampf mit Gestapo und Abwehr nicht einen russischen Beilrücken zu benutzen, sondern eine englische Rasierklinge. Dann bezahle ich das Mittagessen und spreche ein wenig mit dem verdutzten Petrow – heute bin ich der Tischherr. Petrow lacht, ihm hat der Scherz gefallen. Schon lange hat nämlich niemand mehr für sein Mittagessen gezahlt und in seiner Gegenwart gescherzt. Petrow denkt daran, wie Lawrentij Pawlowitsch Berija in Moskau lachen wird, wenn er ihm vom Mittagessen im Schützenverband in Kaunas erzählen wird. Lawrentij Pawlowitsch hat vermutlich schon lange nicht mehr gelacht.

Aus dem Russischen übertragen von René Drommert