Die neuen DDR-Parteien konnten ihre Wirtschaftsprogramme nur mit Bonner Hilfe formulieren

Von Peter Christ

Welche Mühen hätten bundesdeutsche Politiker, Unternehmer, Ökonomieprofessoren, Juristen, Beamte, Arbeitnehmer und Verbraucher, wenn sie nach vier Jahrzehnten Marktwirtschaft über Nacht in den Sozialismus umsteigen müßten. Nicht weniger wird – unter umgekehrten Vorzeichen – von allen Bürgern der DDR verlangt. Nach vierzig Jahren Planwirtschaft steht plötzlich alles kopf.

Es gibt in der DDR weder Politiker noch Manager, Ökonomen oder Juristen, die nennenswerte Erfahrungen in einem marktwirtschaftlichen System gesammelt haben – abgesehen von einigen sogenannten Reisekadern, die in den Westen durften, sowie den Beschäftigten der staatlichen Außenhandelsbetriebe. Unter diesen Bedingungen sind die Parteien und politischen Gruppen angetreten, Programme für die Wirtschaftspolitik ihres Landes zu entwickeln. Nebenbei mußten sie einen Apparat aufbauen, sich selbst organisieren, an vielen runden Tischen sitzen, Mitglieder werben, Minister für das Kabinett Modrow abstellen, Wahlkampf führen, den alten Apparat der SED kontrollieren, die Stasi auflösen und versuchen, auch noch für andere Felder der Politik Konzepte zu entwerfen. Das alles seit November.

Kompliziertes Reformwerk

Diese Verhältnisse gilt es zu berücksichtigen, wenn über Personen und Programme der Parteien in der DDR geurteilt wird.

Bei Licht besehen, ist es also nicht verwunderlich, daß keine der Parteien einen oder gar mehrere Vordenker aus dem Hut gezaubert hat, die mit Kompetenz, Charisma, politischem Instinkt und öffentlicher Wirkung die wirtschaftspolitische Debatte des Landes prägen. Wo gibt es denn solche Figuren in der Bundesrepublik?