Von Harry Nutt

Samstag nachmittag, Renntag in Karlshorst. Als wir vor der alten Tribüne in der Ostberliner Wuhlheide stehen, kommt es uns so vor, als seien die Ereignisse der vergangenen Monate an dieser Enklave einfach vorbeigegangen. Wie gewohnt bestimmt eine auffällige Langsamkeit das Geschehen. Nur wenn die Pferde in den Zieleinlauf biegen, kommt so etwas wie Unruhe auf, ein Geraune geht dann durch das Publikum, und die Wetter recken die Hälse. Danach wieder Pause, Warten auf das nächste Rennen.

Ja, ein paar Westler mehr kämen jetzt schon her, sagt eine Rentnerin, aber das sei doch schön, Sport verbinde. "Jehnse mal an den Auszahlungsschalter, da erkennense den Unterschied", berlinert ein Zocker andeutungsvoll. Die großen Wettgewinne werden nun häufiger von Turfanhängern aus dem Westteil der Stadt abgeholt. Legt man einen durchschnittlichen Schwarztauschkurs zugrunde, so bleiben es für D-Mark-Wetter doch nur Pfennigbeträge, mit denen sich aufwendige Kombinationswetten konzipieren lassen. "Rin den Fisch", jubelt ein Westberliner nach dem zweiten Rennen. Wenn schon nicht das große Geld zu machen ist, so kann der frustrierte West-Zocker immerhin zu der langersehnten hohen Quote kommen.

Es ist ein milder Winternachmittag, dreizehn Trabrennen sind heute angesetzt, unter den Startern sind auch einige Sulkysportler aus West-Berlin, aus Hamburg sind zwei Trainer angereist. Für sie ist es eine Art Informationsbesuch, bald könnte sich hier ein ganz neues Betätigungsfeld auftun. Ein Amateurfahrer meint, daß er demnächst auf jeden Fall mit seinem eigenen Pferd nach Karlshorst kommen wolle, nicht so sehr des Geldes wegen, zu gewinnen sei ja eh nicht viel, siegen wolle er, denn das sei in Berlin-Mariendorf doch sehr viel schwerer.

Die Geschichte der Rennbahn Karlshorst ist älter als das Jahrhundert. Die Bahn im Berliner Südosten erlebte 1894 ihren ersten Renntag. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden nur Jagd- und Hindernisrennen ausgetragen. Von den sechs Berliner Rennbahnen wurde Karlshorst nach Kriegsende als erste wieder aufgebaut. Einigen Rennbahnbesessenen gelang es nicht nur, die halbverhungerten Pferde zu retten. Sie drangen bis zum sowjetischen Stadtkommandanten Bersarin vor und überzeugten ihn, daß ein geregelter Rennbetrieb in Berlin auch wirtschaftlichen Gewinn für die Besatzungszone mit sich bringen könnte. Noch ehe die beiden deutschen Staaten ihre Namen hatten, galt in Karlshorst wieder die alte Trabrennordnung. Der erste Renntag war der 1. Juli 1945, bis zum Mauerbau gingen auch Westberliner an den Start. Dann wurde es still in Karlshorst. Trotz der vielen großen Gestüte in der Umgebung galt der Pferdesport bei den Sportfunktionären nicht viel. Es fehlte das Geld, die volkseigenen Rennställe und Gestüte wurden allenfalls geduldet. Karlshorst blieb Treffpunkt einiger weniger.

Auch heute, da alles ganz geworden ist, stehen die Dinge in Karlshorst nicht zum besten. Es sei bedrückend, verrät die DDR-Berufsfahrerin Monika Janott, wie sehr an der Basis ihrer Arbeit gerüttelt werde. Der erste Trainer sei bereits in den Westen gegangen, andere seien sozusagen auf dem Sprung. Arbeitslosigkeit fürchte sie zwar nicht, aber es könnte sein, daß die Karlshorster Rennbahn bald zu einer Mariendorfer Zweigstelle verkomme. Monika Janott fürchtet die westliche Konkurrenz. Mit 86 Siegen ist sie in der DDR erfolgreich gewesen, in Mariendorf, so glaubt sie, würde sie nicht einmal die Gelegenheit bekommen, ihr Talent zu beweisen. "Nicht wahr, meen Alter", flüstert sie ihrem zwanzig Jahre alten Hengst ins Ohr, "im Westen wärst du schon vor zehn Jahren zum Schlachter gegangen."

Den Zockern vor der Tribüne ist es wohl gleichgültig, welche Veränderungen auf die Rennbahn Karlshorst zukommen. Sie prüfen lieber ihre Wettscheine. Es sei gut, daß jetzt Westler kommen, jetzt können die eigenen Fahrer die Rennen nicht mehr so leicht unter sich ausmachen, ist zu hören. Verschwörungstheorien haben auch in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche Konjunktur.