Wie das DDR-Regime über sich selber zu Gericht sitzt

Von Michael Schwelien

Ost-Berlin, im März

Eben noch saß er entspannt zurückgelehnt, die Hände übereinander gekreuzt auf dem Tisch, die Füße weit von sich gestreckt. Nun aber stößt der Kopf bullig nach vorne, die rechte Augenbraue zieht sich beim Blick auf den Frager nach oben, die Füße umklammern, als brauche er mehr Halt, die Stuhlbeine, jedes Wort akzentuiert er mit Handkantenschlägen auf den Tisch.

Günter Schabowski, 61 Jahre alt, ehemaliger SED-Bezirkssekretär in Berlin, erklärt den „Bonapartismus“. Es sei, sagt er, eine „komplizierte Sache“, bis man sich in einer politischen Organisation gegen diese erhebe, zudem auch „belastend moralisch“. Man müsse „erst sehr weit sein“ und „sehr weit gebracht werden“, um zu dem Schluß zu kommen, zu dem er damals gekommen war und den er jetzt mit den Gesten eines Mannes vorträgt, der zu glauben scheint, er habe doch irgendwie gesiegt, zu dem Schluß also: „Honecker, Mittag und Herrmann müssen entfernt werden.“

Dann: Plötzliches Ende der Serie von Handkantenschlägen, Zurückfallen in den Sessel, weites Aufreißen der Augen, so, als säße die Angst immer noch im Nacken. Die Sätze verlieren an Kraft, die Wortwahl wird schludrig: „Ganz abgesehen davon, daß es unter bestimmten konspirativen Bedingungen ... und daß der Mann der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrats war ... und wenn du so was versuchst, du det möglichst so versuchst, daß det auch klappt, und du dich nicht woanders wiedersiehst.“

Günter Schabowski hat Beichte abgelegt. Er nannte keine Daten, keine weiteren Fakten. Er deutete in seinem Exkurs über die Schwierigkeiten des Bonapartismus nur an, daß er erwogen, aber zu lange gezögert habe, der alten Garde der DDR die Macht zu entreißen. Bleibt nur das eigene, resignierte Fazit: „Wir sind unter die Räder geraten.“