Von Roland Kirbach

Als der damals dreizehnjährige Mischa zur Kölner Gesamtschule Raderthal-Zollstock wechselte, wäre die Lehrerin Angelika Stroth manchmal am liebsten in die Luft gegangen, „wie dumm der sich angestellt hat“. Mischa wirkte unkonzentriert und gab oft unsinnige Antworten. Heute kennt Angelika Stroth den Grund für Mischas Verhalten: Er arbeitete damals in seiner Freizeit, nachmittags und samstags vormittags, abwechselnd in drei Supermärkten. Mischa half im Lager, füllte Regale auf, schleppte Kisten und Kästen. „Ich bin von der Schule aus immer direkt dahin“, erzählt er. Heute ist Mischa sechzehn Jahre alt, und nur weil er sich jetzt auf das Abschlußzeugnis im zehnten Schuljahr konzentrieren will, hat er kürzlich die Jobs aufgegeben.

Sein Freund Jörg, ebenfalls sechzehn Jahre alt, aber erst im neunten Schuljahr, arbeitet nach wie vor, gleichfalls in Supermärkten. Jörg möchte sich einen gebrauchten Vespa-Roller für 2000 Mark kaufen. Manchmal bekomme er Muskelkater und Rückenschmerzen von der Arbeit, sagt er, doch dafür verdiene er jeden Monat ungefähr 320 Mark, bar auf die Hand. Auch Thadeusz, siebzehn Jahre alt und im zehnten Schuljahr, arbeitet regelmäßig nebenher. Er hilft in einem griechischen Imbiß in der Küche; er bereitet Essen vor, richtet Salate an, spült Teller. Wochentags arbeitet er von halb vier bis sieben Uhr, am Wochenende von halb fünf bis Mitternacht oder noch länger. Ursprünglich besuchte Thadeusz das Gymnasium; weil seine Leistungen auf Grund der Arbeit schlechter wurden, mußte er auf die Gesamtschule wechseln. „Jetzt stehe ich schon wieder schlecht“, grinst er.

Im zehnten Schuljahr, sagt Lehrerin Stroth, gehe ungefähr jeder zweite Schüler ihrer Schule solch einer Nebenbeschäftigung nach. Die meisten arbeiten schon zwei, drei Jahre. Und es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, wegen des Jobs die Schule zu schwänzen. Beim privaten Einkauf im Supermarkt sah die Lehrerin einmal eine ihrer Schülerinnen den Laden schrubben. „Das kann doch nicht sein, daß meine Schülerin hier den Laden putzt, oder?“ habe sie laut gerufen und das Mädchen mit nach draußen genommen.

Was Angelika Stroth, die Leiterin der Jahrgangsstufen acht bis zehn an der Kölner Gesamtschule, am meisten erbost, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Kinderarbeit betrachtet wird – von den Arbeitgebern, von den Eltern und von den Schülern selbst. Dabei ist fast jede dieser Schülerarbeiten verboten; das Jugendschutzgesetz läßt nur ganz wenige Ausnahmen zu. „Das Unrechtsbewußtsein ist völlig weg“, hat auch Ruth Mettlach festgestellt, die zuständige Sachgebietsleiterin beim Gewerbeaufsichtsamt Köln.

Kinder unter vierzehn Jahren dürfen generell nicht arbeiten. Erlaubt sind, von dreizehn Jahren an, lediglich „Handreichungen beim Sport“ (maximal zwei Stunden täglich), Arbeiten in der Landwirtschaft (drei Stunden) sowie das Austragen von Zeitungen (zwei Stunden). Als Kind im Sinne des Gesetzes gilt auch, wer noch der „Vollzeitschulpflicht“ unterliegt. Da die in Nordrhein-Westfalen und Berlin zehn Schuljahre beträgt, kommt es häufig vor, daß dort Sechzehn- und Siebzehnjährige noch als Kinder gelten und daher ebenfalls nicht arbeiten dürfen. Und für die Jugendlichen zwischen vierzehn und achtzehn Jahren, die nicht mehr schulpflichtig sind, schränkt eine Reihe von Schutzbestimmungen die Arbeitsmöglichkeiten ein. Sie dürfen zum Beispiel nicht nachts und nicht an Wochenenden arbeiten und nicht im Ackord eingesetzt werden. Verstöße gegen solche Bestimmungen gehören zur Tagesordnung, und oft sind sie den Betroffenen nicht einmal bewußt.

Wie viele Schüler in der Bundesrepublik regelmäßig arbeiten, weiß niemand genau. Die einzige umfassende Untersuchung zu dem Thema, von dem Soziologen-Ehepaar Elke und Heinrich von der Haar, stammt aus dem Jahr 1980. Damals gingen „mindestens 300 000 Kinder gegen Lohn mehr oder weniger regelmäßig arbeiten“. Seitdem, meint der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Walter Bärsch, habe es „ganz offensichtlich eine dramatische Zunahme der illegalen Kinderarbeit“ gegeben. Der Kinderschutzbund schätzt die Zahl der erwerbstätigen Schüler heute auf 400 000.