Es wäre nicht gut, wenn wir sie umsonst bekämen

Fast sieht es so aus, als ob die Bundesdeutschen an der Wiedervereinigung nichts so interessiert, als was sie uns kosten könnte. 69 Prozent wollen die Wiedervereinigung, aber 66 Prozent davon möchten zuerst wissen, was es kostet. Opfer wollen nicht viele bringen (siehe ZEIT, Nr. 11).

Die Bundesregierung läßt gelegentlich dazu verlauten, die Wiedervereinigung werde „auf die Länge“ keine Kosten verursachen; so der Kanzler und der Finanzminister. Von der Opposition hat sich der SPD-Abgeordnete Peter Glotz vorgewagt: Die Wiedervereinigung werde teuer werden – wie teuer, sagt er schließlich auch nicht. Und, an Kohl gerichtet: „Wer Kanzler der Wiedervereinigung werden will, muß zuerst Kanzler der Wahrheit werden“ – für den behutsamen und gewissenhaften Mann ein starkes Wort.

Eine böse Rolle spielen die Medien, vorweg wie immer der stern. Er verheißt der Bundesrepublik Inflation, steigende Zinsen, Steuererhöhungen, Massenarbeitslosigkeit für die DDR. Die einen versprechen uns also das Paradies der Wiedervereinigung ohne Kosten, die anderen die Katastrophe. Eine begründete Gesamtrechnung könnte die (aus Gründen der Moral vor allem unter der Hand) umstrittene Frage versachlichen. Aber es gibt keine Gesamtrechnung. Und es wird keine geben.

Die müßte nämlich ausgehen von dem volkswirtschaftlichen Zahlensystem der DDR. Die aber hat keines. Vorhandene Zahlen sind ideologisch verzerrt, man kann nicht von ihnen ausgehen.

Unvermeidliche Arbeitslosigkeit

Aber auch das beste Rechnungswesen würde wenig über nicht vorhersehbare Entwicklungen aussagen. Beispiel: die mit der Sanierung der DDR-Wirtschaft unvermeidliche Arbeitslosigkeit. Artikel 24 der DDR-Verfassung gibt jedem Bürger das „Recht auf Arbeit“. Diese Bestimmung hat die DDR-Wirtschaft ruiniert. Denn Rechtsprechung und Praxis legen den Artikel so aus, daß die Betriebe jederzeit Mitarbeiter einstellen, aber nie entlassen können – ob Konjunktur oder Rezession, ob der Mitarbeiter fleißig oder bequem ist, klug oder Durchschnitt, lernfähig oder träge: Der Betrieb muß ihn lebenslänglich bezahlen.